4  Dr.  Hertha  Siemering.

Die  begrifflichen  Unterscheidungen  sind  am  schärfsten  bei  den  De—
batten  über  die  militärische  Vorbereitung  herausgearbeitet  worden,
deshalb  sind  die  Erörterungen  über  dies  Spezialgebiet  die  wichtigste
unter  den  Quellen,  auf  die  wir  die  Generaldebatte  über  Zwang  und
Freiheit  zurückführten.  Die  militärische  Vorbereitung  setzte  sogleich
mit  praktischen  Versuchen  ein.  Diese  brachten  Erfahrungen  ebenso
praktischer  Natur.  Außerdem  wurde  die  alte  Jugendpflege,  die
Jugendvereinsarbeit,  von  der  anstürmenden  Neuerung  in  die  Verteidigung
  ihres  Besitzstandes  gedrängt.  Hätte  man  ähnlich  mit  Versuchen
  praktischer  hausmütterlicher  Unterweisung  der  heranwachsenden
  Mädchen  auf  der  ganzen  Linie  eingesetzt,  so  wäre  auch  auf  der
weiblichen  Seite  die  Theorie  in  ihrer  Entwicklung  ein  Stück  weiter.
Einstweilen  sind  die  Erörterungen  über  das  sogenannte  Frauendienstjahr,
  wenigstens  in  den  Kreisen  der  bisherigen  Jugendpflege,
aus  der  kühlen  Temperatur  akademischer  Auseinandersetzungen  nicht
herausgekommen.  Demgegenüber  kann  für  das  männliche  Lager  heute
mit  gewisser  Befriedigung  festgestellt  werden,  daß  die  Hitze  der  widerstreitenden
  Meinungen  manchen  Gedanken  zur  Fruchtbarkeit  entwickelte.


Es  ist  genugsam  bekannt,  daß  der  Zustrom  zu  den  Jugendkompagnien
  bald  nach  ihrer  Gründung  in  manchen  Städten  und
Landesteilen  nachließ  und  daß  viele  der  scheinbar  gewonnenen  jungen
Leute  nach  kurzer  Zeit  wieder  fortblieben.  Gewiß  war  es  nicht  ohne
Einfluß,  daß  diese  jungen  Leute  bald  an  Stelle  der  eingezogenen
Männer  überreichlich  Beschäftigung  fanden.  Aber  wichtiger  für  die
Entwicklung  der  Dinge  war  der  Umstand,  daß  man  versucht  hatte,
einen  Bau,  der  nach  allem,  was  von  militärischer  Seite  über  seine
Natur  verlautet,  ein  Glied  unserer  Landesverteidigung  sein  und
werden  soll,  auf  den  unsicheren  Boden  der  freiwilligen  Beteiligung
zu  stellen.  Die  Frage  des  Zwanges  beherrscht  denn  auch  besonders
die  ersten  Stadien  der  Diskussion  über  Gegenwart  und  Zukunft  der
militärischen  Vorbereitung  der  Jugend.  Gelegentlich  griff  man  schon
während  des  mobilen  Zustandes  zum  Zwange:  Auf  Grund  einiger
landesgerichtlicher  Entscheidungen  sind  die  Übungen  der  Jugendkompagnien
  als  Teil  des  Fortbildungsschulunterrichts  anzusehen  und
damit  für  die  fortbildungsschulpflichtige  Jugend  verbindlich.

In  der  fachmännischen  Diskussion,  soweit  sie  sich  mit  der  Zukunft
der  militärischen  Vorbereitung  beschäftigt,  lassen  sich  folgende  Hauptströmungen
  unterscheiden:  In  den  Kreisen  der  Turnerschaft,  des
Wandervogels,  auch  des  Jungdeutschlandbundes  hat  man  die  Frage
gestellt,  ob  es  denn  wirklich  im  Interesse  der  Heeresverwaltung  liegen
könne,  künftig  eine  besondere  militärische  Schulung  der  Knaben  und
noch  nicht  dienstpflichtigen  Jünglinge  vorzunehmen,  da  doch  die  allgemeine
  Ausbildung  des  Körpers,  wie  sie  diese  Verbände  den  Ihren
geben,  zweifellos  die  Ausbildung  in  Kaserne  und  Exerzierplatz  vortrefflich
  vorbereite  und  damit  der  allgemeinen  Kriegstüchtigkeit  der
Nation  besser  diene  als  vorzeitige  fachmilitärische  Uübungen,  die  ihrer
Natur  nach  niemals  so  frisch  und  fröhlich,  so  dem  Geiste  der  Jugend
gemäß  sein  können  wie  Turnen  und  Wandern,  wie  Spielen  und