Einleitung.  9

schaftlich  schwachen  Elemente  der  Gesellschaft  ständig  mit  der  Einsichtslosigkeit
  ringt,  sind  solche  Wünsche  verständlich.  Ihre  Erfüllung  erreicht
  aber  noch  nicht  die  Sphäre  eigentlicher  Jugendpflege.  Sie  läge
in  einem  tieferen  Gebiete,  das  neuerdings  ganz  treffend  als  moralischer
  Jugendschutz  bezeichnet  wird.  Darüber  mag  sich  reden  lassen.
Aufs  schärfste  aber  ist  die  Auffassung  zurückzuweisen,  daß  durch  solche
strengen  Maßregeln  für  die  Dauer  eine  ebenso  einfache  wie  zweckmäßige
  Grundlage  der  Jugendpflege  zu  schaffen  sei.  Das  ist  ein
Irrtum.  Alle  Jugendpflege  muß  positive  Erziehungsarbeit  sein.
Für  unsere  Betrachtung  ist  festzustellen,  daß  in  der  Forderung,  die
Maßnahmen  der  Erlasse  dauernd  beizubehalten,  der  Ruf  nach  Zwang
in  der  Jugenderziehung  seinen  höchsten  Punkt  erreicht.

Einem  Fernstehenden  mag  es  scheinen,  als  könne  keinerlei  Band
von  allen  diesen  Gegenwartsproblemen  unserer  Jugendpflege  in  die
Welt  der  Freideutschen  Jugendbewegung  hinüberführen.  Gewiß,  die
Jugend,  die  im  Oktober  des  Jahres  der  Jahrhundertfeiern  auf  dem
Hohen  Meißner  zu  ihrem  eigensten  Feste  zusammenkam,  mochte
meistens  schon  dem  Alter  entwachsen  sein,  dem  unsere  Sorgfalt  in
erster  Linie  gilt.  Auch  war  es  eine  Jugend,  die  keineswegs  den  von
Erwachsenen  begründeten  und  geleiteten  Vereinen  entstammte,  eine
Jugend  vielmehr,  aus  deren  Reihen  sich  nicht  wenige  zunächst
schaudernd  von  jedem  Jugendpflegeverein  abwenden  würden  und
von  der  man  allem  Zwange  gegenüber  stärksten  Widerstand  erwarten
müßte.  Dennoch  wäre  es  durchaus  ein  Irrtum,  hier  allein  die  freien,
sich  selbst  bestimmendeen  Jünglinge  und  Mädchen,  dort  nur  die  gegängelten
  zu  sehen,  und  es  ist  bedauerlich  und  bedenklich,  wenn  gelegentlich
  sogar  ein  Gegensatz  zwischen  Jugendbewegung  und  Jugendpflege
  konstruiert  wird.  Alle  tüchtige  Jugendpflege,  das  ist  in
jüngerer  Zeit  mehrfach  mit  Recht  betont  worden,  wird  schließlich  zur
Jugendbewegung.  Die  jungen  Leute,  die  sich  überall  aus  freien
Stücken  unseren  Jugendvereinen  anschließen,  entwickeln  sich  in  den
günstigeren  Fällen  zu  bewußten  Trägern  ihrer  Organisation.
Andererseits  wird  es  heute  bei  den  Leitern  der  Wandervogelbünde
rückhaltlos  anerkannt,  daß  die  Jugendbewegung,  auch  wenn  sie  in
den  Kreisen  der  Schüler  höherer  Lehranstalten  lebendig  ist,  für  die
jüngeren  Altersstufen  des  reiferen  Führers  nicht  entraten  kann.

Trotz  mancher  krausen  Formen  ist  es  nicht  zu  verkennen,  daß  diese
Bewegung  in  einzelnen  tüchtigsten  Vertretern  den  Typus  des  frischen
einfachen  und  reinen  jungen  Deutschen  hervorgebracht  hat,  auf  den
letzten  Endes  alle  Jugendpflege  hinstreben  muß.  Der  Wille  zu  bescheidener
  Unterordnung,  den  viele  Erzieher  vermißten,  und  zur  Hingabe
  an  das  große  Ganze  ist  im  Kriege  in  den  Reihen  der  Freideutschen
  klar  in  die  Erscheinung  getreten.  Daß  man  bei  manchen
freideutschen  Gruppen  religiösen  Sinn  an  den  Tag  legt,  ja  bei  festlichen
  Gelegenheiten  auf  die  Beobachtung  kirchlicher  Formen  hält,
wird  vielen  Jugendpflegern  sympathisch  sein.  In  Zukunft  sollten
viel  mehr  noch,  als  das  bisher  geschehen  ist,  verbindende  Fäden
zwischen  der  freideutschen  Jugendbewegung  im  weitesten  Sinne  und
der  deutschen  Jugendpflege  gezogen  werden.  Von  da  sollen  Hilfs-