10  Dr.  Hertha  Siemering.

völker  zu  uns  herüberkommen,  und  es  soll  keine  Grenze  sein  zwischen
Volksschulentlassenen  und  „höheren“  Schülern.  Man  wünscht  sich
vielfach  in  jenen  Reihen  die  Mitarbeit  in  der  Jugendpflege.  Als
Führer  für  Wanderungen  stellt  man  sich  gelegentlich  schon  einem
Jugendverein,  einem  Volksschulrektor  zur  Verfügung.  Die  Jugendpflege
  ihrerseits  wird  wünschen,  daß  solche  brauchbaren  Helfer  sich  im
einzelnen  Falle  einem  bestimmten,  nach  eigener  Neigung  gewählten
Vereine  für  längere  Zeit  als  Mitarbeiter  anschließen  und  sich  dort  in
die  Praxis  einarbeiten.  Nicht  mehr  als  zwei  wesensfremde  Gebilde
sollten  Jugendpflege  und  Jugendbewegung  nebeneinander  stehen,
sondern  als  verschiedene  Stufen  einer  Entwicklung  sollten  sie  ineinander
  greifen.  Vielleicht  wird  sich  in  der  Praxis  aus  jeder
Gruppe  der  Jugendpflege  eine  besondere  Abart  der  Jugendbewegung
entwickeln.  Schon  heute  bezeichnet  man,  und  zwar  auf  katholischer
Seite,  das  ganze  Gebiet  der  Erziehung  der  Heranwachsenden  als
Jugendbewegung.  Im  sozialistischen  Lager  ist  dieser  Ausdruck  seit
lange  gebräuchlich,  obwohl  auch  die  dort  geleistete  Arbeit,  weil  sie  in
ihren  wesentlichen  Teilen  von  Erwachsenen  bestimmt  wird,  unserer
Auffassung  nach  eher  der  Jugendpflege  zuzuzählen  ist.

Im  Laufe  der  letzten  Monate  ist  von  verschiedenen  Seiten  der
Versuch  gemacht  worden,  in  der  Form  eines  geschlossenen  Systems
der  Jugenderziehung  eine  gemeinsame  Lösung  für  die  ganze  Kette
der  berührten  Probleme  zu  finden.  Es  wird  u.  a.  vorgeschlagen,
etwas  wie  eine  alle  umfassende  Organisation  zu  schaffen,  der  jeder
Junge  und  jedes  Mädchen  angehören  muß  und  die  im  Wechsel  von
Zwang  und  Freiheit  nahezu  das  gesamte  Leben  beider  Geschlechter
in  ihren  Jugendjahren  umspannt.  Diesem  Bau  hätten  sich  die  Fortbildungsschule
  und  die  militärische  Vorbereitung,  womöglich  auch
die  hausmütterliche  Unterweisung,  ebenso  die  bisher  bestehenden
Vereine,  denen  von  ihrer  Freiheit  nichts  genommen  werden  soll,  einzuordnen.
  Für  die  Freizeit  der  Jugendlichen,  die  Vereinen  alten
Stiles  nicht  angehören,  müßten  alsdann  Zwangsvereinigungen,  wenn
auch  loser  Form,  geschaffen  werden,  und  mit  dieser  Notwendigkeit
stößt  die  Erörterung  immer  wieder  an  den  empfindlichen  Punkt.
Immer  wird  aus  den  Reihen  der  Jugendpfleger  die  Erklärung
wiederholt,  daß  schlechterdings  keinerlei  Zwang  für  irgend  ein  Vereinsleben
  passe.  Die  Vorschläge  zu  einer  solchen  Überorganisation
knüpfen  bisweilen  an  das  Vorbild  der  siebenbürgischen  Bruder=  und
Schwesterschaften  an.  Aber  Gesellschaftsformen,  die  sich  in  einer
kleinen,  völkisch  und  kirchlich  merkwürdig  einheitlichen  Gruppe,  die
sich  fremden  Einflüssen  gegenüber  in  ständigem  Daseinskampfe  befindet,
  im  Laufe  der  Jahrhunderte  entwickelt  haben,  lassen  sich  nicht
ohne  weiteres  dem  in  kultureller  Beziehung  so  vielgestaltigen
Deutschen  Reiche  aufzwingen.  Ganz  abgesehen  von  den  Schwierigkeiten,
  die  der  Durchführung  eines  solchen  Versuchs  entgegenstehen
würden,  dürfte  kaum  eine  das  Vorbild  so  abändernde  Organisationsform
  zu  finden  sein,  daß  sie  für  uns  paßte.  Weil  das  Land  Siebenbürgen
  und  seine  Kultur  im  Augenblick  unserem  Interesse  sehr  nahe
gebracht  sind,  kann  man  es  nachempfinden,  daß  Vorschläge,  die  zu