16  Dr.  Aloys  Fischer.

wirkt,  solange  wir  nicht  die  Innenseite  der  Erziehung  kennen,  den
Geist,  der  sich  in  dieser  Technik  auswirkt.  In  jeder  Erziehung  lebt
eine  bestimmte  ethische  Atmosphäre,  ein  innerer  Sinn;  er  durchwaltet
die  einzelnen  technischen  Elemente  und  schafft  erst  aus  der  Vielzahl
neutraler  oder  vieldeutiger  Maßnahmen  die  Einheit  eines  bestimmten
Erziehungssystems,  eines  geschlossenen  Erziehungsstils.  Erst  durch
den  Geist  der  Erziehung  erhält  das  technische  Detail  Sinn  und
Schwere;  an  sich  ist  es  höchstens  dynamisch,  nach  der  Seite  seiner
Kitirscis#hen  Wirkung  hin  fester,  wenn  auch  keineswegs  eindeutig
umrissen.

Man  kann  sich  unschwer  klar  machen,  daß  die  Technik  der  Erziehung
  noch  vieldeutig  ist.  Ganz  verschiedene  Erziehungen  bedienen
sich  derselben  „Praktiken“  und  „Techniken“,  ohne  dadurch  gleich  oder
gleichwertig  zu  werden.  So  kann  z.  B.  keine  Erziehung  auf  Lob  und
Tadel  verzichten;  die  ihnen  zugehörigen  Maßnahmen  sind  aber  noch
neutral  gegen  den  Erziehungsgeist.  Es  macht  einen  gewaltigen
Unterschied,  ja  es  macht  erst  den  Sinn  von  Lob  und  Tadel  aus,
wann,  wie,  was  gelobt  und  getadelt  wird,  ob  das  Lob  mehr
gelegentlich,  ob  es  als  Lohn,  als  Anreiz,  als  Glück  im  Kinder-  und
Jugendleben  verwendet  oder  ob  es  derartig  gepflegt,  vertieft
und  raffiniert  verwendet  wird,  daß  eine  absichtliche  Züchtung  des
Ehrgeizes  die  unvermeidliche  Folge  ist,  daß  das  natürliche  Bedürfnis
des  Kindes  nach  Auszeichnung  und  Anerkennung  zum  Haupthebel
der  Charakterbildung  wird.  Dadurch  entsteht  jene  Pädagogik  des
Anreizes  und  der  Rekorde,  die  durch  künstliche  Aufpeitschung  aller
Kräfte  außerordentliche  Leistungen  erzielt,  zugleich  jedoch  den  Menschen
  verdirbt,  statt  ihm  die  Liebe  zur  Sache  und  die  Begeisterung
für  die  Arbeit  als  solche  beizubringen,  ihn  zu  unsachlichem  Blicke  auf
den  sozialen  Reflex  der  Arbeit,  auf  Ruhm  und  Erfolg  gewöhnt  und
dadurch  dem  unersättlichen  Strebertum  in  die  Arme  führt.

Wie  dies  Beispiel  zeigt,  ist  keine  technische  Maßnahme  in  ihrer
pädagogischen  Wirkung  von  vornherein  eindeutig;  wir  müssen  zusehen,
  mit  welchen  anderen  Maßnahmen  sie  verbunden  wird,  und
müssen  die  Lebensatmosphäre  kennen,  die  sie  erzeugt.  Erst  aus
der  gesamten  Lebensatmosphäre  einer  pädagogischen  Technik  können
wir  über  Wert  und  Unwert  derselben  urteilen.

Dieser  allgemeine  Gedankengang  ist  grundlegend  auch  für  die
Frage  Zwang  oder  Freiheit  in  der  Jugendpflege.  Es  gibt  gar  keine
Erziehung,  die  völlig  ohne  Zwang  auskommt,  auch  keine,  die  ganz
auf  Selbstbestimmung  und  Freiheit  des  Zöglings  verzichten  könnte:;
auch  Zwang  und  Freiheit  sind  sozusagen  zunächst  Techniken,  und
unsere  Stellungnahme  zu  ihnen  hängt  ganz  davon  ab,  welchen  Geist
wir-  in  der  Jugenderziehung  und  Jugendpflege  lebendig  wissen
wollen.

Nach  seiner  äußeren  technischen  Gestalt  können  wir  uns,  soweit
ich  sehe,  den  Zwang  in  der  Jugendpflege  dreifach  vorstellen.  Der
Zwang  könnte  mehr  in  der  Form  des  Schulzwanges  eingeführt  und
durchgeführt  werden.  Die  Jugendpflege  würde  dann  zu  einer  Einrichtung
  ähnlich  wie  die  Volksschule  und  die  Fortbildungsschule.  Wir