20  Dr.  Aloys  Fischer.

alles  erstrecken,  Organisationsform,  Menschenbehandlung,  Inhalt
und  Absicht  der  Pflegearbeit.

Nach  diesem  überblick  über  die  möglichen  Gestalten  des  Zwanges
in  der  Jugendpflege,  so  zu  sagen  über  die  technische  Seite  des
Zwanges  werfen  wir  nun,  unserem  allgemeinen  Grundsatze  gemäß,
die  Frage  auf:  welche  geistig-sittliche  Atmosphäre  schafft  der
Zwang?  Wie  würde  er  empfunden  werden  und  auf  die  seelische
Entfaltung  der  Jugendlichen  wirken?  Welcher  Erziehungs  geist
ist  im  Zwange  als  System  verkörpert?

Der  Zwang  setzt  zunächst  voraus,  daß  der  Mensch,  speziell  der
jugendliche,  noch  keinen  Willen  habe  und  deshalb  unter  allen  Umständen
  des  fremden  Antriebes,  der  Führung  und  Nötigung  bedürfe,
daß  der  Jugendliche  eine  Gliedergruppe,  eine  Marionette  sei,  die
durch  Gebote  in  Bewegung  gesetzt,  durch  Verbote  gehemmt  werden
müsse,  weil  sie  selbst  weder  Ziele  sieht  noch  solche  sich  setzt.  Oder
der  Zwang  strebt  danach,  den  Menschen  auf  die  Verfassung  einer
von  Drahtziehern  bewegten  Marionette  zurückzuschrauben,  die  keinen
eigenen  Willen  haben  soll,  die  ihren  spontanen  Regungen  mißtrauen,
sich  immer  nach  Fingerzeigen  anderer  umsehen,  sich  fremder  Leitung
willig  und  gefügig  anvertrauen  soll.

Diese  Anschauung  vom  Kinde  und  Jugendlichen  ist  im  großen
und  ganzen  zweifellos  unzutreffend.  Das  kleine  Kind,  das  noch
keine  selbständigen  Ziele  hat  und  oft  noch  wenig  entwickelte  Triebe,
mögen  wir  uns  als  ein  Wesen  vorstellen,  das  nur  darauf  wartet,
daß  ihm  Erwachsene  sagen,  was  es  tun  und  lassen  solle.  Je  mehr
das  Kind  aber  altert,  reift  und  heranwächst,  um  so  entschiedener
macht  sich  das  eigene  Sein  und  damit  der  eigene  Sinn  des  Men-*
  geltend.  Die  Bildsamkeit,  insbesondere  die  passive,  nimmt  betändig
  ab,  je  stärker  sich  Eigeninteressen  melden.  Erziehung  kann
niemals  darin  bestehen,  irgend  ein  Eigenes,  das  schon  da  ist,  zu
vernichten,  auszuschalten,  Erziehung  kann  immer  nur  darin  bestehen,
  ein  Eigenes  daraufhin  zu  prüfen,  wie  weit  es  wertvoll  ist,
wie  weit  es  zu  wertvoller  Arbeit  fortentwickelt  werden  kann.
Eigenes,  das  da  ist,  zu  pflegen,  das  ist  ja  der  Name,  nach  dem  die
Jugendpflege  ihre  Arbeit  benennt,  zu  leiten,  aber  nicht  im  Sinne
bem  Unterdrückung,  sondern  im  Sinne  der  Zielsetzung  und  Augenung.



Zunächst  würde  ich  also  gegen  eine  Zwangstechnik  oder  ein
System  der  Zwangstechnik,  es  sei  dieses  oder  jenes,  das  Bedenken
erheben  müssen,  daß  es  auf  einer  falschen  Psychologie  beruht,  mindestens
  für  diejenigen  Altersstufen,  an  die  sich  die  Jugendpflegearbeit
  wendet,  das  heißt  also  für  das  Fortbildungsschulalter  und
die  nächstfolgenden  Jahre.  Für  die  Jugendlichen  gilt,  daß  sie  nicht
mehr  die  unbeschriebenen  Blätter,  nicht  mehr  die  leeren  Gefäße  sind,
in  die  der  Erwachsene  alle  geistigen  Inhalte,  alle  Ziele  und  Ausgaben
  erst  senken  muß,  sie  sind  schon  etwas,  oder  richtiger  gesagt,
sie  fangen  an,  etwas  zu  sein,  sie  kommen  schon  zu  ihrem  eigenen
Selbst,  und  darin  regen  sich  auch  eigene,  persönliche  Zielsetzungen,