26  Dr.  Aloys  Fischer.

Jugendpflegearbeit  täglich  und  stündlich  erfahren  kann,  dieses  ungeheuer
  wache  Mißtrauen  der  Jugendlichen.  So  erweist  sich  der
Zwang  als  Prinzip  der  Pflegearbeit  auch  gefährlich  für  die  Bildung
eines  richtigen  persönlichen  Verhältnisses  zwischen  Erzieher  und
Zögling,  ohne  das  Erziehung  kaum  möglich  ist.

Entscheidend  tritt  zu  diesen  Bedenken  nun  hinzu,  daß  der  Zwang
mit  der  durchschnittlichen  seelischen  Beschaffenheit  gerade  des  Jugendalters
  am  schlechtesten  harmoniert.  Wir  müssen  uns  deshalb  auf
die  Bedeutung  und  Eigenheit  des  Jugendalters  kurz  besinnen.

Man  hat  darüber  gestritten,  welcher  Abschnitt  des  Lebens  für
die  Erziehung  am  wichtigsten  sei.  Es  gibt  Pädagogen,  die  sagen,
der  wichtigste  Lebensabschnitt  für  die  Erziehung  seien  die  ersten  drei
Lebensjahre,  denn  in  den  ersten  drei  Lebensjahren  erwerbe  das
Kind  die  grundlegenden  Gewöhnungen,  in  den  ersten  drei  Lebensjahren
  müsse  der  Charakter,  im  allgemeinen  wenigstens,  nach  der
Seite  der  Gewöhnungen  grundgelegt  werden;  die  gute  Kinderstube
entscheidet  über  die  weitere  sittliche  Führung  und  Gewöhnung  des
Jugendlichen.  Ich  bin  nicht  dieser  Ansicht,  aber  ich  verstehe,  was
die  Pädagogen  dazu  bewegt,  auf  die  ersten  Lebensjahre  den  Nachdruck
  zu  legen.  Nicht  wahr,  in  der  ersten  Zeit  ist  das  Kind  plastisch,
die  Pädagogik  der  ersten  Jahre  kann  etwas  erreichen,  das  Kind  ist
beinahe  wie  Wachs  zu  formen,  solange  es  junges  Kind  ist.  Aber
weshalb  ich  nicht  der  Ansicht  bin,  daß  die  gute  Kinderstube  allein
für  den  Aufbau  der  sittlichen  Schicksale  und  der  sittlichen  Persönlichkeit
  eines  Menschen  entscheidend  ist,  das  hängt  eben  gleichfalls  mit
der  natürlichen  Plastizität  der  früheren  Jahre  zusammen.  Ebenso
plastisch,  wie  für  die  Aufnahme  guter  Eindrücke,  ist  das  Kind  auch
für  die  Aufnahme  schlechter  Eindrücke,  und  weil  es  plastisch  ist,
verlieren  sich  die  Eindrücke  der  Kinderstube  auch  wieder,  wenn  die
Fortsetzung  des  Lebens  in  andere  Wege  drängt  als  die  Kinderstube.

Nach  meinem  Urteile  sind  der  für  die  Pädagogik  entscheidende  Abschnitt
  die  Reifejahre,  und  diese  Reifejahre  sind  nun  gerade  durch
das  Gegenteil  von  Plastizität  ausgezeichnet,  durch  die  größte
Sprödigkeit.  Nie  ist  ein  Mensch  weniger  bildbar,  weniger  plastisch,
weniger  gefügig,  weniger  nachgiebig  als  in  den  Jahren  von  13
bis  17  oder  18.  Das  hängt  eben  mit  all  den  Vorgängen  zusammen,
die  wir  im  Namen  der  Entwicklung  zusammenzufassen  uns  gewöhnt
haben  und  die  ja  durchaus  nicht  bloß  eine  sexnelle  Krisis,  durchaus
nicht  bloß  das  Reifwerden  der  Geschlechtsfunktion  und  für  die  Geschlechtsfunktion
  bedeuten,  vielmehr  ist  dieser  Vorgang  nur  die  organische
  Grundlage,  die  Unterfütterung  für  den  ganzen  Prozeß  der
Erweckung  des  Selbstbewußtseins,  des  Selbst  bewußtseins.  wobei
das  Wort  selbst  betont  ist  und  zum  ersten  Male  einen  Inhalt  hat.

Die  Pubertät  ist  in  psychologischer  Hinsicht  die  Phase  der  Verselbständigung
  des  Menschen,  der  ökonomischen  und  gesellschaftlichen
wie  der  geistig-sittlichen,  der  Verselbständigung  im  Denken,  in  den
Anschauungen  und  Werthaltungen.  Erst  der  Jugendliche  unterscheidet,
  fängt  an,  sich  zu  unterscheiden  von  den  anderen  Selbsten