Zwang,  Freiwilligkeit  und  Selbstbestimmung  als  Erziehungsmächte.  29

in  die  Erscheinung  getreten  ist,  sehen  wir  ja  gerade,  daß  die  Jugend
von  sich  aus  nach  einem  Leben,  nach  einem  Boden  strebt,  auf  dem
sie  unter  sich  sein  kann,  wenigstens  zeitweilig  und  wenigstens  zur
Pflege  bestimmter  Interessen.  Es  ist  von  höchstem  Interesse  zu  beobachten,
  daß  die  sozialdemokratische  Jugend  sich  ebenso  gegen  die
Arbeiterbürokratie  und  den  Parteizwang  aufgelehnt  hat  (bis  sie
durch  staatliche  Maßnahmen  an  der  freien  Vereinigung  gehindert
und  den  Gewerkschaften,  bzw.  den  Parteivereinen  geradezu  zugeführt
wurde)  wie  die  bürgerliche  Jugend  gegen  die  Schule  und  die  allzu
starke  Betonung  der  Autorität  des  Elternhauses.  Der  Zwang  stimmt
also  nicht  zur  durchschnittlichen  Beschaffenheit  der  Jugendlichen.
Der  Zwang  garantiert  uns  nicht  die  erzieherische  Einwirkung,  die
wir  doch  erstreben,  der  Zwang  ist  endlich  auch  mit  dem  Endziel  aller
Erziehung  nicht  vereinbar.  Direkt  wird  ja  niemand  den  Zwang
oder  den  Gehorsam  als  das  Endziel  der  Erziehung  bezeichnen.  Wir
alle  würden  uns  dagegen  sträuben,  zu  sagen,  die  Erziehung  laufe
darauf  hinaus,  abhängige  subalterne  Menschen  zu  erziehen,  aber
mit  anderen  Worten  und  in  anderer  Form  spielt  der  Zwang  doch
in  der  pädagogischen  Teleologie  eine  Rolle;  man  bringt  ihn  gern
mit  dem  sachlichen  Rechte  der  Autorität  zusammen  und  rechtfertigt
ihn  als  Folge  der  natürlichen  Überordnung  des  Sachverständigen
über  den,  der  wegen  seiner  Jugendlichkeit  noch  nicht  voll  genommen
zu  werden  braucht.  Man  sagt  nämlich,  die  Jugend  muß  noch
Respekt  haben  (ganz  gewiß!),  und  wenn  sie  nicht  Respekt  hat,  so
muß  sie  Respekt  lernen.  Ganz  gewiß.  Eine  Jugend,  die  die  Ehrfurcht
  eingebüßt  hätte,  wäre  in  der  Tat  die  schwerste  Gefahr  für
unser  geistiges  und  sittliches  Leben.  Aus  Einsicht  in  die  eigene
Unzulänglichkeit,  in  den  Mangel  an  Reife  muß  die  Jugend  Ehrfurcht
  haben,  Ehrfurcht  vor  dem  Reifen.  Ein  Mann,  der  gewiß
nicht  in  den  Verdacht  kommen  kann,  ein  Pädagoge  der  Autorität
gewesen  zu  sein,  Friedrich  Nietzsche  hat  deshalb  einmal  das
Wort  geprägt,  die  Erziehung  müsse  bei  der  Jugend  den
lächerlichen  Anspruch  auf  Selbständigkeit  des  Urteils  unterdrücken
und  müsse  den  jungen  Menschen  an  strengen  Gehorsam  gewöhnen.
Aber  er  fügt  hinzu:  „Unter  dem  Szepter  des  Genius“  und  nicht
unter  dem  Zwange  einer  Fuchtel.  Mit  anderen  Worten:
Das  sachliche  Recht  und  die  Uberlegenheit  der  Autorität
erkennen  und  sich  ihr  fügen  zu  lehren,  ist  gewiß  eine  der  tiefsten
Erziehungsaufgaben,  aber  ihre  Erfüllung  hängt  mit  davon  ab,  daß
die  Autorität  durch  ihre  sachliche  Überlegenheit  selbst  imponiert  und
den  Gehorsam  nicht  einfach  durch  Machtmittel  erzwingt.  Man  tut
deshalb  der  Jugend  auch  Unrecht,  wenn  man  in  ihrer  Verfassu

nur  die  Auflehnung  gegen  die  Führung  findet;  vielmehr  sind  m.  E.
die  edelste  Begeisterungsfähigkeit  und  die  besinnungslose  Hingabe
der  Verehrung  auch  Zeichen  der  Jugend,  wo  echtes  Heldentum  der
Gefinnung  und  Handlung,  reife  überlegenheit  einer  vollendeten
menschlichen  Persönlichkeit  ihr  einleuchtet  und  imponiert.  Ich
stimme  ganz  gewiß  dem  Satze  zu,  daß  Jugend  Ehrfurcht  haben,
Ehrfurcht  lernen  müsse,  Ehrfurcht  vor  den  ewigen  Werten,  Werken