32  Dr.  Aloys  Fischer.

von  anderen  Jugendlichen.  Die  Jugendlichen,  wenn  wir  fie  als
breite  Schicht  betrachten  und  dabei  das  Prinzip  der  Freiheit,  der
vollen  Selbstbestimmung  ins  Auge  fassen,  sind  auch  dafür  noch  nicht
reif.  Sie  wechseln  nur  die  Führer.  Statt  Erwachsene  wählen  sie
ihresgleichen  zu  Führern  oder  solche  Menschen,  die  noch  nicht  weit
über  ihr  Alter  hinausgewachsen  sind.  Auch  das  ist  an  sich  ein  gesunder
  Zug.  Es  ist  eine  bekannte  Erfahrung,  Jaß  das,  was  ein
vierzigjähriger  Lehrer  bei  einem  zehnjährigen  Jungen  nicht  fertig
kriegt,  der  zwölfjährige  Bruder  fertig  bringt.  Je  größer  die  Jahresspanne
  wird,  die  zwischen  Erzieher  und  Zögling  sich  einstellt,  desto
unbekannter  wird  man  sich.  Der  ältere  Mensch  kann  sich  nicht  mehr
so  in  die  Schwierigkeiten  hineindenken,  die  der,  der  nur  ein  paar
Jahre  älter  ist,  noch  genau  weiß.  Insofern  ist  es  ein  gesunder  Zug,
wenn  auch  eine  Beeinträchtigung  des  Prinzips  der  Freiheit,  daß  die
Jugendlichen  in  den  neuen  Organisationen  sich  selber  ihre  Führer
wählen  und  sich  ihren  Führern  dann  unterordnen.  Auch  in  tieferem
Sinne  kann  noch  Selbsttäuschung  vorliegen;  die  Jugendlichen  glauben,
sich  selbst  zu  führen,  in  Wirklichkeit  aber  gehorchen  sie  heimlich  festgehaltenen
  Vorbildern  unter  den  Erwachsenen,  oder  auch  werden
geführt  durch  nichts  als  den  Protest  gegen  den  Erwachsenen.  Auch
der  Protest  macht  aber  abhängig,  ist  ein  Ausdruck  von  Abhängigkeit,
nicht  ein  Zeichen  von  Freiheit  und  Stärke.  Der  Jugendliche  muß
imstande  sein,  Freiheit  nicht  nur  als  Lösung  von  Fesseln,  Fall  von
Schranken  aufzufassen,  sondern  in  positivem  Verstande  als  Prinzip
der  Selbstverpflichtung.  Um  frei  zu  sein  im  wahren  Sinne  des  Wortes
muß  man  eigenes  Gewissen  haben.  Daß  auch  in  den  Vereinen  auf
der  Basis  der  Selbstorganisation  Führertum  und  Gefolgschaft  erhalten
bleibt,  ist  ein  Beweis,  daß  durchschnittlich  auch  im  älteren  Jugendlichen
  dies  eigene  Gewissen  noch  nicht  rein  leuchtet,  daß  er  ein
Bedürfnis  nach  Führung  hat.  .

Im  allgemeinen  setzt  die  Freiheit  also  eine  große  oder
relativ  große  geistige  Reife  voraus,  und  da  wird  man
zweifeln  dürfen,  ob  die  jugendliche  Schicht  als  Schicht  sie  besitzt.
Soweit  die  Freiheit  aber  vorhanden  und  soweit  die  Fähigkeit,
  von  der  Freiheit  Gebrauch  zu  machen,  im  Jugendlichen  entwickelt
ist,  ist  sie  für  die  Charakterbildung,  für  die  Erziehung,  die  Selbsterziehung,
  die  beste  Atmosphäre.  Der  Geist  der  Freiheit  macht  in
der  Tat  den  einzelnen  Menschen  zum  alleinigen  Urheber  seiner
Schicksale.  In  der  freien  und  freigewählten  Organisation  lebt  der
Einzelne  unter  keiner  anderen  als  seiner  eigenen  Verpflichtung.  Das
ist  eine  Atmosphäre,  die  für  die  sittliche  Wirkung  zweifellos  die
beste  ist.  Aber  ich  habe  schon  angedeutet,  ihre  Anwendung  auf  die
Jugendlichen  scheint  mir  beschränkt,  sie  scheint  mir  im  großen  ganzen
erst  mit  18,  19,  20  Jahren  möglich  zu  werden,  und  sie  scheint  mir
auch  beschränkt  auf  die  akademische  Schicht  und  die  Schicht  der
wirtschaftlich  selbständigen,  jugendlichen  Arbeiter.  Daß  die  Freiheit,  die
volle  Selbstbestimmung  in  der  Jugendpflege  herrschend  wird,  halte
ich  für  ausgeschlossen.  Wir  haben  ja  bisher  schon  beobachtet,  daß  sie
sich  nur  auf  ganz  bestimmten  Gebieten  geäußert  hat,  aber  ich  habe