Zwang,  Freiwilligkeit  und  Selbstbestimmung  als  Erziehungsmächte.  35

Ertüchtigung,  später  noch  ausführlicher  zurück,  weil  sich  Stimmen  vernehmen
  lassen,  die  fordern,  daß  er  der  einzige  Inhalt  in  Zukunftsein  soll.

Gegenwärtig  steht  neben  der  Leibespflege  die  anspruchslosere,
  von  äußeren  Zwecken  freie,  rein  dem  Glücke  der  Jugendlichen
dienende  Geselligkeitspflege.  Unstreitig  fühlen  wir  alle
das  Zusammensein  mit  Unseresgleichen,  den  Austausch  von  Gedanken
und  Erfahrungen  sowohl  als  Glück  wie  als  Schule;  auch  der  Jugendliche
  hat  ein  Bedürfnis  nach  Anschluß,  Austausch,  Kameradschaft,  Gemeinschaft,
  auch  ihm  wird  die  Gesellschaft  zur  Gelegenheit,  sich  abzuschleifen.
  Viele  Jugendzirkel  haben  in  der  Tat  keinen  anderen  Sinn
und  Inhalt,  als  diese  Pflege  der  Geselligkeit,  auch  wenn  sie  sich  als
Gesangvereine  oder  Kegelklub  betiteln.  Ihr  ganzer  Sinn  erschöpft
sich  darin,  daß  der  einzelne  einen  sicheren  Kreis  von  Menschen  um
sich  hat  und  kennt,  zu  denen  er  kommen  kann,  wenn  es  ihm  darum
zu  tun  ist,  die  Anteil  an  ihm  nehmen,  an  denen  er  Anteil  nimmt.
Vielfach  wird  die  Geselligkeit  angeregt  durch  gemeinsame  Besprechungen,
  Lektüre,  durch  Vorführung  von  Liebhaberkünsten,
Schauspiele  und  Feste.  Aber  auch  diese  „Zwecke"“  sind  im  Grunde  nur
Anlässe  und  Vorwände,  um  das  Zusammenkommen  und  Zusammensein
  möglichst  oft  und  vielseitig  zu  erleben.  Die  Pflege  der  Geselligkeit
  spielt  in  allen  Jugendpflegevereinen  eine  große  Rolle,  eben  das
Vereinsleben  als  solches.

In  dritter  Linie  (natürlich  ohne  damit  eine  Rangordnung  aussprechen
  zu  wollen)  hebe  ich  die  Pflege  gemeinsamer
geistiger  Interessen  als  Inhalt  der  Jugendpflege  hervor.
Jugendbildungs  vereine  aller  Art  gehören  hierher,  Lesezirkel,
Musikvereinigungen,  sehr  viele  Schüler-  und  Studentenverbindungen.

Ihnen  allen  ist  dies  gemeinsam,  daß  wissenschaftliche,  literarische,
künstlerische  Liebhabereien  und  Interessen,  Sammelleidenschaften
und  andere  Außerungen  produktiver  Geistesanlagen  durch  Austausch
und  Anregung  darin  Nahrung  finden  sollen.  Jedes  Talent  braucht,
um  sich  froh  zu  entfalten,  ein  Publikum,  das  anfangende  Talent
braucht  ein  solches,  das  nicht  gleich  die  höchsten  Maßstäbe  der  Kritik
anlegt  und  dadurch  abschreckt,  sondern  ein  dankbares  und  zufriedenes
Publikum  bildet.  Das  finden  die  jungen  Menschen  in  gleichgesinnten
Altersgenossen.  Gewiß  spielt  in  der  jugendlichen  Produktion  wie  in
den  Zirkeln,  die  der  Geistespflege  dienen,  viel  Unreife  eine  große
Rolle;  maßlose  Überschätzung  und  gegenseitige  Huldigung  sind
stehende  Züge  —  aber  dafür  ist  die  Jugend  eben  jung,  und  solange
sie  unter  sich  bleibt,  ihre  Ansprüche  nicht  auf  den  Markt  trägt,  kann
man  ruhig  vertrauen,  daß  sie,  je  länger  je  mehr,  diese  Überschwänglichkeiten
  und  Hohlheiten  von  selbst  überwachsen  wird.  Während  wir
Erwachsenen,  namentlich  jetzt  im  Kriege,  geneigt  sind,  die  Leibespflege
  und  körperliche  Ertüchtigung  für  den  Hauptinhalt  der  Jugendpflege
  zu  halten,  läßt  die  Jugend  selbst  keinen  Zweifel,  daß  ihr  die
geistige  Pflege  das  tiefste  Bedürfnis  und  das  zentrale  Problem  ist.
Die  Ausstrahlungen  dieses  Bewußtseins  treten  uns  in  den  Debatten  der
Jugendlichen  und  Jugendzeitschriften  deutlich  entgegen.  In  der  Geistespflege
  liegt  auch  sachlich  der  Schwerpunkt  aller  flegebestrebungen.