36  Dr.  Aloys  Fischer.

Zur  Verdeutlichung  lassen  Sie  mich  darauf  hinweisen,  daß  die
erfolgreichste  Pflegearbeit  meines  Erachtens  dort  geleistet  wird,  wo
Jugendliche  durch  eine  Weltanschauung  auf  gemeinsamem  Boden
stehen,  also  in  der  Pflegearbeit  unserer  Kirchen,  vielleicht  auch  teilweise
  in  der  Pflegearbeit  unserer  politischen  Vereine,  bei  der  die
Hingabe  an  geistige  Güter  und  Ideale  die  Richtschnur  der  Beeinflussung
  bildet.  Dort  sind  die  Jugendlichen  schon  zusammengefaßt;
von  Hause  aus,  durch  die  Abstammung,  durch  das  Elternhaus,  durch
die  Konfession,  der  sie  angehören,  bringen  sie  eine  Gemeinsamkeit  der
Weltanschauung  mit,  die  andere  Varietäten  der  Jugendvereine
erst  durch  ihre  organisatorische  Tätigkeit  erreichen  müssen.  Die
eigenartige  Tiefe  pflegerischer  Arbeit  namentlich  in  religiösen
Jugendorganisationen  führe  ich  im  wesentlichen  darauf  zurück,  daß
der  geistige  Inhalt  pflegerischer  Arbeit  allmählich  in  die  Weltanschauung
  mündet  und  schließlich  in  der  Religion  verwurzelt  sein
muß.  Weltanschauung  und  Religion,  nebenbei  bemerkt,  als  Erziehungsmächte,
  widerstreben  jedem  Zwang.  Selbstverständlich
können  auch  interkonfessionelle,  paritätische  Jugendvereine  geistige
Interessen  pflegen;  es  ist  für  die  besondere  Lage  Deutschlands,  das
sich  ja  geschichtlich  auf  eine  konfessionell  gemischte  Bevölkerung  aufbaut,
  wichtig,  daß  auch  eine  paritätische  geistige  Jugendpflege  Platz
greift,  eine  solche  mit  rein  vaterländischen  gesamtdeutschen  Werten
und  Tendenzen;  aber  es  ist  nicht  ganz  leicht,  die  Gemeinsamkeit  des
Geistigen  zu  Bewußtsein  zu  bringen,  dort  wo  eine  Trennung  im
Metaphysischen  und  Religiösen  vorhanden  ist.  Daher  mag  es  sich
wieder  (teilweise  wenigstens)  erklären,  daß  die  neutrale  Jugendpflege
  die  Leibesübungen  in  den  Vordergrund  rückt.  Allein  wir
stehen  hier  überall  noch  mitten  im  Versuche,  teilweise  erst  am  Anfang
unserer  Arbeit.  Wir  wissen  noch  nicht  —  weil  es  noch  keinen  großen
Versuch  dieser  Art  gibt  —,  wie  weit  durch  die  Jugend  presse  eine
Annäherung  und  Verständigung  angebahnt  werden  kann,  wie  weit  die
Volksbildungsbestrebungen  auch  auf  die  Jugend  herabgedehnt  werden
können,  also  das  Vortragswesen,  das  Konzert,  das  Theater,  die  Museen,
  die  Ausstellungen  in  geeigneter  Auswahl  und  nach  entsprechender
Vorbereitung  einen  gemeisamen  geistigen  Boden  auch  der  Jugendpflegearbeit
  zu  bilden  fähig  und  berufen  sind.  Ausschlaggebend  für
die  Zukunft  der  Jugendpflege  ist  die  Besinnung  auf  diese  ihre  geistigsittliche
  Seite  und  der  Ausbau  ihrer  Einrichtungen  für  das  männliche
und  das  weibliche  Geschlecht  in  der  Richtung  einer  geistigen  Pflege.

Außer  der  Leibespflege,  der  Geselligkeit  und  Kameradschaft,  den
geistigen  Interessen  spielen  dann  —  namentlich  für  die  Oberstufe
des  Jugendalters  —  der  Beruf,  die  Vertretung  gewisser  Standes-  und
Berufsinteressen  und  die  Reform  der  Lebensführung  eine  bedeutsame
  Rolle  im  Inhalte  der  Pflegearbeit  1).  In  manchen  Fällen  —

1)  In  meinen  Untersuchungen  über  die  neue  Jugendbewe  ung  Geitschrift

für  pädag.  Pfychologie,  1915,  S.  22f.)  habe  ich  versucht,  die  Verbände  auf  der

rundlage  einer  Lebensreform  zu  kennzeichnen;  in  der  Abhandlung:  Akademisches

Studium  und  Charakterbildung,  ebenda  1913,  S.  129f.  die  akademische  Jugendpflege
  zu  schildern;  ich  erlaube  mir,  hier  auf  diese  Arbeiten  zu  verweisen.