38  Dr.  Aloys  Fischer.

ein  wichtiges  Interesse  daran,  ob  die  Jugendpflege  künftighin  auf
Zwang,  Selbstorganisation  der  Jugend  oder  Freiwilligkeit  aufgebaut
werden  soll.

Auf  meinen  Wunsch  hat  sich  die  Zentralstelle  für  Volkswohlfahrt
  um  Auskunft  an  Jugendpflegeverbände  und  einzelne  in
der  Pflegearbeit  bekannte  Persönlichkeiten  gewandt.  Ich  möchte  allen
denen,  die  meine  Fragen  beantwortet  und  mich  so  in  die  Lage
gebracht  haben,  meine  persönlichen  Erfahrungen  auf  eine  breitere
Grundlage  zu  stellen,  herzlich  für  ihre  Mühe  danken.  Von  den
Fragen  waren  die  wichtigsten  folgende:  1.  Wie  würden  die  Eltern
einem  grundsätzlichen  Zwange  zur  Jugendpflege  gegenüberstehen?
Einem  Zwange  also,  der  die  Jugendlichen  entweder  von  vornherein
bestimmten  Jugendvereinen  zuweist  oder  sie  wenigstens  zwingt,  sich
irgend  einem  —  im  allgemeinen  mit  freier  Wahl,  welchem  —  anzuschließen?
  2.  Welche  Erfahrungen  über  äußere  und  innere  Teilnahme
  sind  dort  gemacht  worden,  wo  der  Schritt  von  der  Freiwilligkeit
  zum  Zwange  schon  durchgeführt  worden  ist?  Namentlich
während  des  Krieges  ist  an  manchen  Orten  dieser  Schritt  getan
worden;  es  ist  für  alle  künftigen  Überlegungen  äußerst  wichtig,  die
Erfahrungen  zu  sammeln,  die  jetzt  in  einzelnen  Fällen  gemacht
werden  konnten.  3.  Wie  glauben  die  Leiter  von  Jugendorganisationen,
  daß  durch  einen  Zwang  ihre  eigene  Stellung  und  Arbeit
beeinflußt  würde?  4.  Welche  auf  Selbstorganisation  der  Jugend
beruhenden  Pflegeeinrichtungen  sind  vorhanden?  Auf  diese  Fragen
sind  insgesamt  23  Antworten  eingelaufen,  zum  Teile  recht  ausführliche
  Gutachten,  Antworten  aus  Bayern,  Württemberg,  den  Rheinlanden
  und  anderen  preußischen  Provinzen,  aus  Sachsen  und  den
mitteldeutschen  kleineren  Staaten,  Antworten  besonders  für  die
Großstädte  Berlin  und  Hamburg.  Die  Zahl  der  Vereine,  deren  Erfahrungen
  in  diesen  23  Zuschriften  zum  Worte  kommt,  ist  erheblich
größer;  denn  unter  den  Zuschriften  befinden  sich  solche  von  großen
Sammelverbänden,  wie  z.  B.  dem  Wartburg-Verein,  dem  süddeutschen
katholischen  Jugendpflegeverband,  den  Leitern  bekannter  Zeitschriften
für  Jugendpflege.  Um  gleich  das  Hauptergebnis  vorwegzunehmen:
Ich  war  überrascht  von  der  wie  verabredet  wirkenden  Einmütigkeit
der  oft  recht  ausführlichen  Antworten,  die  auf  diese  Fragen  eingegangen
  sind.  Ich  will  nur  einzelne  auswählen,  die  besonders
typisch  sind.

Zunächst  heben  alle  Zuschriften  hervor,  daß  es  Jugendpflege:
einrichtungen  mit  Zwangscharakter  gar  nicht  gibt  —  abgesehen  von
den  während  des  Krieges  als  Teil  des  pflichtgemäßen  Unterrichts
der  Oberstufe  der  Fortbildungsschule  angeordneten  Jugendwehrübungen
  (kurzer  Unterricht,  militärische  übungen  auf  dem  Turnplatz
  und  im  Gelände).  Schon  diese  Tatsache  läßt  erkennen,  daß  der
Zwang  als  Novum  gegenüber  dem  Bestehenden  auf  Schwierigkeiten
bei  Elternhaus,  Schule  und  Weltanschauungsgemeinde  stoßen  würde.

Auf  die  Frage,  wie  sich  voraussichtlich  die  Stellungnahme  der
Elternschaft  zur  Jugendpflege  und  zu  den  Jugendvereinen  durch