Zwang,  Freiwilligkeit  und  Selbstbestimmung  als  Erziehungsmächte.  41

wird  neben  Unterrichtskursen  ein  gutes  Turnen  sein.  Es  wurden
also  die  Turnvereine  zusammengerufen  und  ein  Schwimmvoerein.
Andere  Vereine  kamen  nicht  in  Betracht,  denn  wo  die  Bevölkerung
am  dichtesten  wohnt,  ist  die  Zahl  der  brauchbaren  Vereine  sehr
gering.  Nun  erklärten  sich  deutsche  Turnerschaft,  Arbeiterturnverein,
  Bund  deutscher  Jugendvereine  und  Schwimmverein  bereit,  die
zwangsweise  überwiesenen  Stellunglosen,  sowohl  Jungen  wie
Mädchen,  zu  übernehmen,  teils  direkt  in  ihre  bestehenden  Abteilungen,
  teils  neue  Abteilungen  zu  gründen.  Die  Unterstützung
wurde  nur  den  Eltern  ausgezahlt,  und  nur  bei  regelmäßigem  Besuch;
sowie  diese  bestimmten  Maßregeln  des  Aufnahmekomitees  sich  in
den  Straßen  herumgesprochen  hatten,  blieben  die  gefährlichsten
Elemente  von  vornherein  weg.  Das  konnte  natürlich  nur  derjenige
  beobachten,  der  den  Stadtteil  genau  kannte.  Diese  hungerten
lieber,  mögen  wohl  auch  gestohlen  haben,  vor  allen  Dingen  haben
sie  ihre  Eltern  aufs  äußerste  ausgenutzt.  Außerdem  fanden  sie  doch
noch  allerlei  andere  Wohltätigkeit.  Das  letztere  sollte  zwar  theoretisch
  verhindert  sein,  in  Wirklichkeit  fanden  in  jenen  Monaten  alle
diejenigen,  die  sich  uns  nicht  fügen  wollten,  doch  noch  anderswo
ein  Mittagessen,  z.  B.  bei  der  Heilsarmee.  Dadurch  war  aber  die
größte  Schwierigkeit,  die  einer  zwangsweisen  Zuweisung  in  die
Jugendvereine  entgegenstehen  würde,  von  vornherein  sehr  verringert.
„Wie  ist  die  Sache  nun  gelaufen?  Im  ganzen  erwies  sich  die
Gesellschaft  als  gutartig.  Ganz  schlimme  Dissziplinlosigkeiten  sind
überhaupt  nicht  vorgekommen;  namentlich  bewährte  sich  das  Riegenturnen.
  Wir  hatten  in  der  schlimmsten  Zeit  etwa  300  Mädchen  und
200  Jungen  zwischen  14  und  20  Jahren.  Das  war  nun  erst  etwo
ein  Drittel  oder  noch  weniger  von  den  ganzen  Jahrgängen  des
Stadtteils.  Die  übrigen  brauchten  oder  wollten  unsere  Unterstützung
  nicht,  und  das  war  ein  Glück,  denn  für  mehr  hätten  die
Kräfte  der  Vereine  auch  nicht  ausgereicht.  Nun  aber  kam  die  große
Schwierigkeit.  Auch  nicht  einen  Tag  ist  es  uns  gelungen,  alle  Verpflichteten
  wirklich  zu  fassen,  obgleich  wir  mit  Abzug  von  den  Unterstützungsgeldern
  gar  nicht  schüchtern  waren,  denn  das  Schlimme  war
die  Kontrolle.  Ich  hatte  ein  Bureau  zur  Verfügung.  Die  Eltern
konnten  besucht  werden  durch  freiwillige  Helfer,  aber  wer  konnte
ihnen  die  vielen  Arten  von  Entschuldigungen  kontrollieren?  Der  eine
hat  an  dem  Tage  gerade  gearbeitet,  der  andere  mußte  eine  kranke
Mutter  pflegen,  der  dritte  war  in  einen  anderen  Stadtteil  gegangen,
um  sich  einem  Arbeitgeber  vorzustellen.  Tatsächlich  haben  wir
höchstens  zwei  Drittel  wirklich  gefaßt.
„Es  gab  aber  auch  noch  andere  Schwierigkeiten.  Jene  beschriebenen
  Elemente,  die  sich  von  vornherein  nicht  fügen  wollten,
sandten  Jungen,  die  unter  falschen  Namen  in  die  Abteilungen  sich
eindrängten,  um  schlimme  Störungen  hervorzurufen.  Ein  gewisser
  politischer  Jugendbund  hatte  einen  Jüngling  unter  den
Stellunglosen,  der  offenbar  die  Aufgabe  der  Propaganda
hatte.  Das  Bedenklichste  war  aber  die  Wirkung  auf  die  bestehenden
Vereine.  Der  Schwimmverein  hat  wohl  nur  Mühe  und  Arger  ge-