42  Dr.  Aloys  Fischer.

habt,  denn  es  gelang  mir  überhaupt  nicht,  Jugend  ihm  regelmäßig
zuzuweisen.  Die  Turnabteilung  meines  Jugendvereins  hat  sich
geradezu  aufgeopfert,  denn  es  war  recht  schwer,  die  zwar  gutmütigen
aber  sehr  schwerfälligen,  unordentlichen  und  oft  auch  schmutzigen
Jungen  turnerisch  zu  behandeln.  So  was  leistet  man  wohl  in  ganz
außerordentlichen  Zeiten,  aber  doch  nicht  Jahr  für  Jahr.  Wir
konnten  unsere  eigenen  guten  Jungen  nicht  weiter  bilden.  Von  einer
Mitgliederaufnahme  war  überhaupt  gar  nicht  die  Rede,  die  Zugewiesenen
  kamen  nach  ihrer  Bildungsstufe  meistens  nicht  in  Betracht.
Unser  sonstiger  Nachwuchs  an  guten  Arbeiterjungen  hielt  sich  in  den
Monaten  und  noch  lange  nachher  von  uns  fern.  Unsere  jugendlichen
  Vorturner  hatten  ein  gutes  Werk  fürs  Vaterland  getan  unter
großer  Selbstüberwindung,  denn  die  Sache  war  kein  Vergnügen.
Unseren  Verein  aber  hatten  wir  schwer  geschädigt.  Es  war  ein
Glück,  daß  im  Januar  die  Arbeitslosigkeit  aufhörte.  Bei  den
Mädchen  dauerte  sie  noch  etwas  länger.  Bei  diesen  war
die  Willigkeit  auch  etwas  größer,  aber  die  Kontrolle  war  auch  hier
sehr  unsicher.  Wir  hatten  das  schönste  System  mit  Karten  und
Stempeln,  aber  funktioniert  hat  es  doch  nicht.  Und  was  für  eine
Last  ist  solches  Kontrollieren  einer  unwilligen  Jugend  für  eine  freiwillige
  Vereinsleitung!  So  etwas  ist  auf  die  Dauer  überhaupt  unmöglich.
  Die  Organisation  eines  freiwilligen  Vereins  und  auch
eines  großen  über  die  ganze  Stadt  reichenden  Bundes  ist  von  einer
staatlichen  gesetzlichen  Pflichtorganisation,  also  etwa  einer  Schule,  so
vollkommen  verschieden,  daß  man  diese  beiden  Pferde  nicht  vor  einen
Karren  spannen  kann.

„Die  Art,  wie  wir  in  jenem  Vierteljahre  gearbeitet  haben,  war
englisch.  So  foßt  man  dergleichen  Dinge  in  England  an.  Es  nimmt
sich  sehr  großzügig  aus,  aber  der  Apparat  arbeitet  nie  gründlich.  Und
will  man  durchgreifen,  so  muß  man  schon  geradezu  brutal  verfahren,
wie  es  offenbar  bei  der  Durchführung  der  allgemeinen  Wehrpflicht
in  England  jetzt  auch  geschieht.  Wollen  wir  wirklich  in  solche  Bahnen
jinein

„Die  Folgerung  ist  also  diese:  Eine  zwangsweise  Zuweisung  der
Jugendlichen  in  Vereine  wird  großem  Mißtrauen  und  Widerwillen
der  Bevölkerung  selbst  begegnen.  Die  Jugendlichen  werden  sich  durck
jede  List  wehren.  Der  gesunde  Menschenverstand  der  Eltern  wird
aber  nicht  begreifen,  wie  der  deutsche  Staat  so  von  seiner  eigenen
geschichtlichen  Entwicklung  seitab  springen  könnte.  Dem  Staate
schenkt  auch  der  oppositionelle  Vater  ein  gewisses  Vertrauen,  freiwilligen
  Vereinen  aber  nicht,  nicht  einmal  denjenigen  seiner  eigenen
Partei.  Auch  das  habe  ich  in  dem  Vierteljahr  erlebt.  Einem  Vereine
  vertraut  man  ja  wohl,  wenn  die  Jugend  gern  und  mit  Liebe
dorthin  geht,  wenn  man  jahrelang  nachbarlich  mit  ihm  gelebt  hat.
Es  handelt  sich  dabei  doch  im  wesentlichen  um  ein  Vertrauen  zu  Personen,
  zu  den  Führern.  Bei  einer  staatlichen  Anstalt  unterwirft
man  sich  der  Notwendigkeit,  und  da  gibt  eben  die  Vernunft  ihre
Zustimmung.  Das  ist  der  große  Unterschied.  Die  zwangsweise  Zuweisung
  zu  Vereinen  mit  freiwilliger  Leitung  ist  also  moralisch  höchst