Zwang,  Freiwilligkeit  und  Selbstbestimmung  als  Erziehungsmächte.  59

Jugendiahre,  die  Freude  am  Kampfe,  die  Freude  an  der  körperlichen
Leistung,  diejenigen,  die  überhaupt  dafür  Sinn  haben  —  diejenigen,
die  keinen  Sinn  dafür  haben,  können  wir  durch  Zwangsmaßregeln
etwas  aus  ihrem  körperlichen  Schlummer  erwecken,  aber  ich  weiß
nicht,  ob  selbst  unsere  Heeresverwaltung  allzu  großen  Wert  auf  diejenigen
  legen  wird,  denen  man  mit  allen  Mitteln  nicht  die  Lust  an
der  leiblichen  Durchbildung  beibringen  könnte  —  aber  was  alle
Jugend  braucht  und  was  alle  Jugend  ersehnt,  das  ist,  in  ihren
geistigen  Bedürfnissen  ernst  genommen  zu  werden.  So  moöchte  ich
die  Aussprache  mit  einem  Worte  schließen,  das  ich  dem,  womit  ich
meinen  Vortrag  geschlossen,  hinzufüge:

Man  kann  die  Jugend  nur  dann  fassen,  wenn  man  sie  ernst
nimmt.  Schon  das  kleine  Kind  ist  ungeheuer  empfindlich  dafür,
wenn  es  als  Kind  behandelt  wird;  es  erhebt  schon  das  kleine  Kind
einen  instinktiven  Anspruch,  von  uns  ernst  genommen  zu  werden.
Der  Jüngling  und  das  junge  Määdchen  stellen  diesen  Anspruch
doppelt.  Freilich  ist  er  sehr  schwer  erfüllbar.  Der  Junge  macht  es
uns  sehr  schwer,  ihn  ernst  zu  nehmen.  Der  Junge  ist  übertrieben,
flegelhaft,  eckig,  unausgereift.  Das  alles  erschwert  uns,  ihn  ernst
zu  nehmen.  Aber  wir  verlieren  den  Knaben,  wenn  wir  nicht  dies
Vorurteile  überwinden  und  ihn  trotzdem  ernst  nehmen.  Die  Zukunf
der  Jugendpflege  scheint  mir  von  der  Erfüllung  der  Forderung  ab
hängig  zu  sein,  daß  wir  die  Jugend  in  der  ganzen  tumultuarischen
Regsamkeit  und  Vielgestaltigkeit,  in  der  sie  uns  entgegentritt,  ernst
nehmen,  und  dieses  Ernstnehmen  der  Jugend  heißt,  die  geistigen
Interessen  der  werdenden  Persönlichkeit  pflegen.  Unter  diesem
Gesichtspunkte,  meine  ich,  würde  auch  das  erreicht,  was  der  Herr
Pastor  Schröder  in  Kiel  so  sehr  betont  hat,  die  Zucht,  namentlich
die  innere  Zucht,  die  ja  immer  nur  das  Resultat  der  Selbsterziehung
sein  kann,  während  der  äußere  Gehorsam  auch  durch  den  Zwang
gewährleistet  wird.

%

C—