70  Dr.  Agnes  v.  Harnack.

aus  hygienischen  Gründen,  aus  Gründen  der  intellektuellen  Weiterentwicklung
  der  jungen  Mädchen  und  aus  Gründen  der  ethischen  Erziehung
  dieser  jungen  Menschen.

Wir  bitten  um  die  Bereitstellung  dieser  Zeit  aus  hygienischen
Gründen:  In  dem  Alter,  in  dem  wir  unseren  höheren  Schulen
ganz  besonders  vorsichtige  Jahrespensen  machen,  wo  wir  unsere
Schülerinnen  gewissermaßen  mit  Samthandschuhen  anfassen,  schieben
wir  unsere  Volksschülerinnen  in  das  Berufsleben  hinaus  und  legen
auf  die  schmalen  Schultern  der  körperlich  und  geistig  Unerwachsenen
die  ganze  Last  eines  Berufslebens.  Wir  fügen  ihnen  damit  körperlich
  eine  schwere  Schädigung  zu.  Über  die  körperliche  Verfassung  der
jungen  Männer  bekommen  wir  immer  eine  Orientierung,  wenn  die
militärische  Tauglichkeitskammission  über  ihren  Gesundheitszustand
urteilt.  Eine  solche  Tauglichkeitskommission  für  Frauen  haben  wir
nicht.  Sie  würde,  glaube  ich,  ein  sehr  schmerzliches  Bild  von  dem,
was  wir  mit  unseren  jetzigen  Methoden  erzielt  haben,  ergeben.  Die
Probe  auf  das  Exempel  wird  bei  den  jungen  Mädchen  erst  später
gemacht,  wenn  sie  in  die  Ehe  eintreten  und  Kinder  haben,  und  da
erleben  wir  es,  daß  sich  die  Schädigungen,  die  zwischen  14  und  18
Jahren  den  Körper  getroffen  haben,  auf  das  schwerste  bemerkbar
machen  und  durch  keinen  nachträglichen  Mutter=  und  Säuglingsschutz,
ober“  was  es  sonst  sei,  wieder  eingebracht  werden.  Wir  sehen  immer

eder,  daß,  wenn  eine  Arbeiterfrau  drei  oder  vier  Kinder  hat,  sie  als
uns  volle  körperliche  Kraft  nicht  mehr  zu  rechnen  ist,  und  wir  wissen,
daß  dieser  Zustand  in  vielen  Fällen  durch  eine  unzweckmäßige  Lebensführung
  in  den  Entwicklungsjahren  hervorgerufen  ist.  Ich  denke  an
die  typischen  Erscheinungen  unter  den  jungen  Arbeiterinnen,  die  ich!
selbst  regelmäßig  sehe:  die  einen,  die  vor  Müdigkeit  umfallen  und  sich
kaum  von  einem  Stuhle  auf  den  anderen  schleppen  können,  und  die
anderen,  die  sich  sozusagen  vor  Kraftüberschuß  nicht  lassen  können,  sich
am  liebsten  austoben  möchten.  Alle  haben  sie  entweder  zu  viel  oder
zu  wenig  oder  ganz  unzweckmäßige  Bewegung,  sie  haben  vielfach
ungenügenden  Schlaf,  sie  haben  unzureichende  Arbeitspausen  und
infolgedessen  und  infolge  anderer  unglücklicher  Einrichtungen  sowie
ihrer  eigenen  Torheit  häufig  eine  ganz  unzweckmäßige  Ernährung,
Das  Bild,  das  dabei  herauskommt,  ist  außerordentlich  unersreulich
und  traurig.

Der  zweite  Punkt,  wegen  dessen  wir  fordern  müssen,  daß  uns  Zeit
zur  Verfügung  gestellt  wird,  ist  die  Frage  nach  der  intellektuellen
Ausbildung  der  jungen  Mädchen.  Wenn  man  mit  14  Jahren  aus
der  Schule  kommt,  so  ist  das  gerade  der  Zeitpunkt,  wo  das  mechanische
Gedächtnis  zurücktritt  und  das  logische  Gedächtnis,  das  Gedächtnis,
das  die  Dinge  nach  Ursache  und  Wirkung  erfaßt,  das  eigentlich
menschenwürdige  Gedächtnis,  erst  anfängt.  Infolgedessen  ist  es  eine
Erfahrungstatsache,  daß  das,  was  man  vor  14  Jahren  me  nisch
erfaßt,  meist  nicht  im  Gedächtnisse  bleibt,  u  1  es  nicht  logi
gründet  und  weiter  geübt  wird.  So  erklärt  es  sich,  daß  das  S  lwissen
  unserer  jungen  Arbeiter  immer  in  außerordentlich  kurzer  Zeit
in  die  Winde  geht.  Wenn  man  da  vorsichtig  anklopft,  so  sieht  man,