Welche  Einrichtung.  sind  f.  d.  Erziehung  d.  heranwachs.  weibl.  Jugend  notwendig?  71

daß  ihnen  im  wesentlichen  einige  deutsche  Eedichte,  nach  meiner  Erfahrung
  als  letztes  meist  der  „Erlkönig“  geblieben  sind.  Bei
Nachfragen  hört  man  immer  die  Antwort:  Damals  war  ich  noch
zu  dumm;  wenn  ich  jetzt  noch  einmal  hingehen  könnte!  Man  kann
hieraus  keiner  Schule  und  keinem  Lehrsystem  einen  Vorwurf  machen.
Vor  14  Jahren  ist  eine  vertiefte  Auffassung  des  Schulwissens,  die
ein  Behalten  garantiert,  noch  vollkommen  unmöglich.  Unmöglich  ist
auch,  eine  Schulung  zu  erzielen,  die  die  Schülerinnen  fähig  macht,
später  geistigen  Besitz  zu  sammeln.  Das  zeigt  sich  am  deutlichsten,
wenn  man  den  jungen  Arbeiterinnen  vorliest.  Die  wenigsten  sind
imstande,  20  Minuten  einem  fremden  Gedankengange  zu  folgen,
wenn  er  nicht  an  ganz  Bekanntes  anknüpft.  Es  war  mit  gutem
Rechte,  daß  die  ersten  Fortbildungsschulen  sich  als  Wiederholungsschulen
  auftaten.  Z„

Die  dritte  Gruppe  von  Gründen,  aus  denen  wir  um  gesetzlich  gesicherte
  Zeit  bitten,  sind  Gründe  sittlicher  Art.  Wir  schicken  unsere
jungen  Mädchen  in  ein  buntbewegtes,  vielgestaltiges  Berufsleben
und  legen  die  ganze  Verantwortung  und  die  ganze  Versuchung,  die
mit  dem  Heraustreten  in  das  öffentliche  Leben  auf  den  Menschen
fällt,  auf  ihre  Schultern.  Wir  können  nicht  von  ihnen  verlangen  —
es  wäre  bare  Torheit  —,  daß  sie  sittlich  gefestigte  Persönlichkeiten
sein  sollen,  genau  so  wenig,  wie  man  das  von  einem  Obertertianer
verlangt.  Wir  behandeln  aber  die  entlassenen  Volksschülerinnen
vorläufig  noch,  als  ob  sie  als  sittlich  gefestigte  Persönlichkeiten  zu
betrachten  wären.  Schul-  und  Konfirmandenunterricht  können  uns
da  nichts  helfen.  Zu  der  Zeit,  wo  sie  wirken,  sind  die  Versuchungen
noch  nicht  in  den  Lebenskreis  der  Mädchen  getreten,  Versuchungen,
wie  sie  das  Erwerbsleben  allein  schon  dadurch  fortwährend  bringt,
daß  der  Egoismus  in  ihm  die  einzig  fördernde  Kraft  zu  sein
scheint.  Diese  und  ähnliche  Fragen  können  wir  mit  den  Schulkindern
  noch  nicht  besprechen.  Sie  haben  wohl  Ohren,  aber
die  Ohren  hören  diese  Dinge  noch  nicht.  Darum  fordern  wir
als  erstes,  wenn  wir  mit  der  Erziehung  der  heranwachsenden
Jugend  Ernst  machen  wollen,  eine  Erweiterung  der  soizalpolitischen
  Gesetzgebung  und  eine  Erweiterung  der  Unterrichtsund
  Schulgesetzgebung  und  wünschen  uns  eine  Verkürzung  der
Arbeitszeit  für  die  jugendlichen  Arbeiter  im  Alter  zwischen  14  und
18,  die  Sicherung  genügender  Arbeitspausen  sowie  die  Gewährung
eines  freien  Nachmittages  und  endlich  die  Gewährung  von  Ferien.
Das  letztere  ist  eine  ganz  fundamentale  Forderung.  Wenn
man  weiß,  wie  noch  ganz  ausgewachsene,  im  Leben  stehende
Menschen  sich  auf  ihren  Urlaub  freuen  und  wie  gerade  aus  den
Arbeitspausen  wieder  die  Arbeitsfreudigkeit  erwächst,  so  wird  man
nicht  zweifeln,  daß  wir  diese  Kraftquelle  der  Jugend  nicht  vorenthalten
  dürsen.

Ferner  sollte  der  Eintritt  in  das  Berufsleben  für  die  Mädchen
um  mindestens  ein  halbes  Jahr  hinausgeschoben  werden.

Es  ist  schwer,  gerade  in  diesem  Momente  solche  Forderung  aufzustellen,
  wo  wir  wissen,  daß  die  Industrie  alle  Kräfte  braucht,  wo  wir