72  Dr.  Agnes  v.  Harnack.

wissen,  daß  unsere  Jugendlichen  zur  Sonntagsarbeit  und  Nachtarbeit
herangezogen  werden  und  wo  wir  diesen  Dingen  zustimmen  müssen,
weil  sie  eine  Kriegsnotwendigkeit  sind.  Aber  wir  wollen  uns  doch
nicht  verhehlen,  daß  erstens  durch  diese  Kriegsnotwendigkeit  auch
hinter  der  Front  Opfer  an  jungem  Leben  und  junger  Gesundheit
fallen,  die  wir  nicht  unterschätzen  dürfen,  und  zweitens:  wenn
wir  weiter  wollen,  dürfen  wir  nach  dem  Kriege  nicht  unsere
Begriffe  oder  unsere  Vorstellungen  nach  dieser  Richtung  hin  verhärten
und  glauben,  solche  Konzessionen  schadeten  nicht  allzuviel.  Wir  dürfen
uns  auch  nicht  damit  begnügen,  auf  den  Zustand  zurückzugehen,  den  wir
vor  dem  Kriege  gehabt  haben,  sondern  wir  müssen  noch  ein  ganzes
Stück  über  den  einstigen  Friedensstand  der  sozialen  Gesetzgebung
hinauskommen.

Die  gewonnene  Zeit  würde  also  bestehen  aus  einem  zusammenhängenden
  halben  Jahre,  das  sich  an  die  bisherige  Schulpflicht  anzuschließen
  hätte,  und  aus  den  Stunden,  die  durch  die  Verkürzung  der
Arbeitszeit  und  durch  Gewährung  des  freien  Spielnachmittages  aus
der  Berufsarbeit  herausgeschnitten  sein  würden.  Es  würde  sich  nun
fragen,  wem  soll  diese  gewonnene  freie  Zeit  zur  Verfügung  übergeben
  werden?  Wer  soll  sie  in  Regie  nehmen?  Ein  radikaler

dealismus,  der  in  diesem  Falle  gleichbedeutend  mit  Unverstand  wäre,
önnte  sagen:  Lassen  wir  doch  die  Jugend  selber  sehen,  was  sie  mit
dieser  Zeit  anfängt,  sie  wird  ihre  Mittel  und  Wege  schon  finden;  wir
werden  hier  einmal  mit  den  Prinzipien  der  Selbstverantwortung  anfangen,
  und  es  wird  dann  ein  herrliches  Gedeihen  in  Freiheit  sein.
Daß  dem  nicht  so  ist,  wissen  alle,  die  sich  mit  der  Jugend  abgegeben
haben,  und  sie  wissen  auch,  daß  man  ihr  daraus  keinen  Vorwurf
machen  darf.  Man  kann  die  Jugend  nicht  zur  Freiheit  erziehen,
indem  man  ihr  ein  so  kostbares  Gut  einfach  zum  Verschleudern  in
die  Hände  gibt.  Man  könnte  weiter  sagen:  hier  tut  sich  die  schönste
Möglichkeit  für  die  freie  Jugendvereinsarbeit  auf.  Sie  soll  zeigen,
was  sie  kann,  und  diese  freie  Zeit  in  ihre  Verwaltung  nehmen.  Aber
auch  hier  sind  natürliche,  und  wie  mir  scheint,  unüberwindliche
Schwierigkeiten.  Die  freie  Jugendvereinsarbeit  bekommt  schon  jetzt
immer  nur  die  Elite,  ich  möchte  sagen,  die  Aristokratie  der  Arbeiterschaft.
  Es  wäre  töricht,  ihr  daraus  einen  Vorwurf  machen  zu  wollen.
Es  kann  gar  nicht  anders  sein,  als  daß  sich  zu  ihr  nur  die  halten,  die
schon  gelernt  haben,  Freiheit  zu  gebrauchen  oder  eine  gegebene  Freiheit
  freiwillig  daran  zu  geben.  Dazu  gehört  ein  großes  Maß  von  sitticher
  Kraft.  So  ist  es  kein  Wunder,  daß  sich  zu  solchen  Organisationen
nur  die  Besten  und  die  Strebsamsten  drängen.  Es  ist  ein  großes
Glück,  daß  wir  diese  Organisationen  haben,  wo  gerade  diese  Elite
weiter  erzogen  werden  kann.  Wo  es  sich  aber  darum  handelt,  alle  zu
fassen,  auch  die  Renitenten,  die  Stumpfsinnigen,  auch  die,  die  eigentlich
  unter  keine  Ordnung  zu  bringen  sind,  müssen  wir  nach  dem  Staate
rufen  und  ihn  bitten,  diese  Zeit,  die  er  frei  gemacht  hat,  in  seine
Formen  und  in  seine  Verwaltung  zu  nehmen.  Wo  jedoch  der  Staat
eine  große  Menge  jugendlicher  Menschen  in  großen  Zeitabschnitten
zweckmäßig  beschäftigen  und  unterbringen  soll,  da  hat  er  vorläufig