74  Dr.  Agnes  v.  Harnack.

Zustand  ist  im  allgemeinen  der,  daß  wir  im  letzten  Volksschuljahr  in
festgesetzten  Stunden  Koch-  und  hauswirtschaftlichen  Unterricht  erteilen,
  an  einigen  Stellen  auch  in  die  Kinder-  und  Säuglingspflege
einführen.  Jeder,  der  das  gesehen  hat,  hat  immer  bezeugt,  mit
welcher  Anteilnahme  und  Lebendigkeit  die  jungen  Mädchen  dabei  sind.
Aber  hier  erheben  sich  doch  Bedenken.  Das  eine  Bedenken  besteht
darin:  Indem  wir  in  die  oberste  Volksschulklasse  hauswirtschaftlichen,
Kochunterricht  und  Unterricht  in  der  Kleinkinderpflege  einführen,
nehmen  wir  der  wissenschaftlichen  Ausbildung  in  den  Schulfächern
ein  gut  Teil  Zeit  weg.  Diese  eigentliche  Schulzeit  ist  aber  an  sich
schon  knapp  bemessen,  und  das  Schulwissen,  das  dem  jungen  Volkskinde
  nicht  in  der  Schule  geboten  wird,  bekommt  es  später  sehr  schwer
nachgeliefert.  Das  junge  Mädchen  steht  infolgedessen  beim  Eintritt
in  das  Berufsleben  um  ein  halbes  Jahr  hinter  den  jungen  Männern
zurück,  es  läßt  den  jungen  Mann  mit  einem  halben  Jahre  Vorgabe  ins
Berufsleben  eintreten,  und  das  macht  sich  in  vielen  Fällen  nachher
recht  störend  geltend.  Aber  fast  noch  wichtiger  erscheint  mir  der
andere  Einwand.  Es  ist  sehr  schön,  an  einem  Vormittage  drei  oder  vier
Stunden  zu  kochen,  zu  plätten,  zu  waschen,  den  Säugling  wickeln  zu
lernen,  und  alles  das  sind  nützliche  und  ersprießliche  Fähigkeiten,  aber
in  drei  Vormittagsstunden  in  einer  Woche  lernt  man  keineswegs  Haushaltführen.
  Denn  Haushaltführen  heißt,  einmal  alle  Fäden  gleichzeitig
  in  der  Hand  haben,  die  das  Webermeisterstück  der  Hausfrau
ausmachen,  Haushaltführen  heißt,  die  Kontinuität  der  Arbeit  übersehen,
  wie  sich  eine  Mahlzeit  an  die  andere,  der  Morgen  an  den
Abend  und  der  Abend  an  den  Morgen  anschließt.  Es  bedarf  „der
Zeit  zur  Erlernung  der  Führung  des  Hauswesens,  um  hauswirtschaftlichen
  Sinn  zu  erwecken,  der  erhalten,  mehren,  pflegen,  sich  in  die
Pflichten  einordnen  will,  so  daß  der  Familienegoismus  nicht  zur  Entfaltung
  kommt,  sondern  diese  Arbeiten  als  allgemein  lebenserhaltende
erfaßt  werden.  Um  mit  diesen  Pflichten  zu  verwurzeln,  dazu  gehört  eine
Gemeinschaft  des  Lebens“  (Dora  Martin).  Sie  sehen,  verehrte
Anwesende,  worauf  die  Sache  hinausläuft.  Haushalt  kann  man  nur
in  einem  Hause  lernen,  anders  ist  es  ein  Notbehelf,  und  wir  hätten
den  lebhaften  Wunsch,  daß  wir  alle  jungen  Mädchen  mindestens  ein
halbes  Jahr  in  eine  Hausgemeinschaft  stellen  könnten,  in  der  sie
diese  Dinge  erlernen  würden.  Ansätze  dazu  sind  vorhanden,  Ansätze,
die,  da  sie  sich  außerordentlich  günstig  entwickeln,  gestatten,  von  diesen
Dingen  nicht  nur  als  von  einer  Utopie  zu  reden.  Ich  erwähne  die
schönen  Anfänge  in  Schleswig-Holstein,  die  schleswig-holsteinischen
Volkshochschulen,  die  zukunftsreichen  Pläne,  die  Freiin  von  Pawel
in  Amalienruh  zu  verwirklichen  gedenkt,  und  die  Ausgestaltung  der
Reifensteiner  wirtschaftlichen  Frauenschulen  nach  der  sozialpädagogischen
  Seite.  Gewiß  kommen  diese  Dinge  bis  jetzt  in  erster  Linie  der
Landiugend  zu  gute,  aber  ich  glaube  doch,  auf  dem  Wege  müssen  wir
weiter  schreiten,  sei  es  auch  langsam,  und  ihn  im  Auge  behalten,
weil  er  zu  den  wünschenswertesten  Zielen  führt.  Ich  will  es  mir
versagen,  ein  farbenbuntes  Bild  zu  zeichnen,  wie  es  in  diesem  hauswirtschaftlichen
  Halbjahr  und  im  Schulinternate  zugehen  sollte.  Aber