76  Dr.  Agnes  v.  Harnack.

anderen  großen  Nachteil:  durch  dieses  Loch  im  Netze  schlüpfen  auch  eine
ganze  Masse  andere,  die  durchaus  unter  das  Gesetz  fallen.  Es  ist
ganz  erstaunlich  zu  sehen,  wie  man  sich  um  die  Mädchenfortbildungsschule
  drücken  kann,  besonders  wenn  Arbeitnehmer  und  Arbeitgeber
dazu  einen  Bund  schließen.  Ich  höre  es  immer  wieder:  „er  hat  getagt.
ich  brauche  mich  nicht  amnelden“  oder:  „ich  lerne  alles  bei  ihm“  oder
ähnliche  Wendungen,  bei  denen  den  Mädchen  meist  gar  nicht  zum  Bewußtsein
  kommt,  daß  sie  etwas  Unrichtiges  tun.

Wenn  wir  nun  für  die  Mädchen  Ausgestaltung  der  Fortbildungsschule
  wünschen,  so  können  wir  uns  dabei  in  die  Gefolgschaft  der  Fortbildungsschule
  für  Knaben  begeben.  Nachdem  wir  einmal  die  hausmütterliche
  Ausbildung  vorangenommen  haben,  ist  kein  Grund  mehr
einzusehen,  warum  wir  grundsätzlich  die  Mädchenfortbildungsschule  anders
  gliedern  und  anders  handhaben  sollen  als  die  Knabenfortbildungsschule.
  Wir  brauchen  hier  wie  dort  die  drei  verschiedenen  Gruppen:
gewerbliche  Klassen,  kaufmännische  Klassen  und  Klassen  für  die  ungelernten
  Arbeiter.  Wir  wünschen  nur,  daß  die  Mädchenfortbildungsschule
  den  Raum  zwischen  sich  und  der  Knabenfortbildungsschule  allmählich
  verringert,  daß  sie  ein  rascheres  Tempo  in  ihrer  Entwicklung
anschlägt.  Eine  gewisse  Schwierigkeit  wird  es  ja  vorläufig  sein,  die
Hausangestellten  in  einen  solchen  Betrieb  einzuordnen,  und  wenn
wir  den  Schulzwang  in  der  Weise  ausgestalten,  liegt  die  Gefahr  nahe,
daß  wir  überhaupt  keine  jugendlichen  Personen  mehr  in  den  Hausdienst
  bekommen  werden.  Das  ist  natürlich  zu  bedenken,  zumal  da
wir  wissen,  daß  das  junge  Mädchen,  wenn  es  bis  zum  18.  Jahre  in  die
Fabrik  und  in  das  Geschäft  gegangen  ist,  nicht  mehr  anfängt,  aus
Liebe  zum  Ideale  der  Häuslichkeit  Dienstbote  zu  werden.  Wir  müssen
daher  berücksichtigen,  daß  es  wünschenswert  wäre,  allmählich  die
Ausbildung  der  Hausangestellten  und  der  Dienstboten  beruflich  zu
regeln  und  hier  nicht  mehr,  wie  bisher,  alles  dem  Zufalle  zu  überlassen.
  Dann  wäre  es  möglich,  daß  wir  für  die  Hausangestellten  noch
ein  eigenes  besonderes  Bildungswesen  ausgestalten  könnten.

Was  wir  aber  für  die  Fortbildungsschule  der  Mädchen  neu  fordern,
so  wie  es  der  Herr  Vorredner  für  die  Knabenfortbildungsschule  gefordert
  hat,  das  ist  eine  viel  gründlichere  Berücksichtigung  und  Pflege
der  Gesundheit.  An  die  Fortbildungsschule  für  Mädchen  gehört  die
Schulärztin,  die  den  Gesundheitszustand  der  jungen  Mädchen  in  gewissenhaftester
  Weise  zu  überwachen  hat.  Es  gehört  dazu  die  Möglichkeit
  zum  Wandern,  zum  Turnen,  zum  Gartenbau  und  zu  allen  den
Dingen,  an  denen  so  viele  Freude  vorhanden  ist  und  für  die  immer  so
wenig  Zeit  bleibt.  Diese  Ergänzung  ist  gerade  dann  notwendig,
wenn  die  Anforderungen  an  die  Arbeit,  die  die  jungen  Mädchen  beruflich
  zu  leisten  haben,  weiter  steigen,  und  sie  werden  weiter  steigen,
denn  von  der  QOualitätsarbeit,  auch  der  von  Frauen  geleisteten
Qualitätsarbeit,  wird  das  Schicksal  Deutschlands  in  starkem  Maße
abhängen.  Aber  gerade  indem  wir  die  berufliche  Tüchtigkeit  durch  die
Fortbildungsschule  steigern,  müssen  wir  auch  Rücksicht  nehmen  auf  die
Erhaltung  der  körperlichen  Kräfte.