92  Aussprache.

so,  wie  es  eigentlich  sein  müßte,  die  Hand  an  ihre  eigene  Erziehung
legen.  Wenn  sie  von  irgend  einer  Zwangspflege  entdeckt  werden,
kann  ihnen  zeitiger  eine  gewisse  Fürsorge  geboten,  der  nötige  Halt
gegeben  werden.  Man  könnte  noch  andere  Gründe  hinzufügen.
Genug,  ich  glaube,  mit  einem  gewissen,  wenn  auch  ganz  beschränkten
Zwange  müssen  wir  rechnen,  und  von  diesem  Standpunkt  aus  hat  der
Verein  katholischer  deutscher  Lehrerinnen  immer  der  Pflichtfortbildungsschule
  das  Wort  geredet.  Man  mag  ja  darüber  streiten,  ob
man  sie  als  eine  Zwangsjugendpflege  bezeichnen  soll.  Ich  wünschte
schon,  daß  das  Wort  Jugendpflege  nur  auf  mehr  freiwillige  Betätigung
  angewendet  würde  und  man  für  die  andere  Art  der  pflegerischen
  Arbeit  an  der  Jugend  andere  Bezeichnungen  fände.

Was  die  Fortbildungsschule  angeht,  so  möchte  ich  auch  den  Wunsch
unterstreichen,  daß  sie  für  alle  Mädchen  Pflicht  würde.  Daher  habe
ich  mich  gefreut,  daß  auch  die  Haustöchter  und  Dienstmädchen  heute
hier  mit  in  den  Kreis  der  Betrachtung  gezogen  wurden.  Ich  persönlich
  bin  aber  nicht  der  Meinung,  daß  wir  durchaus,  wie  bisher  in
Preußen,  drei  Gruppen  von  Fortbildungsschulen  unterscheiden
müssen,  daß  die  Gruppe  der  sogenannten  ungelernten  Arbeiterinnen
durchaus  mit  einer  eigenen  Art  von  Schulen  bedacht  werden  muß.
Allerdings  scheint  es  mir,  daß  es  nach  der  ganzen  Entwicklung
unserer  Industrie  nicht  möglich  ist,  eine  große  Zahl  von  ungelernten
zu  gelernten  Arbeiterinnen  zu  machen,  so  sehr  dieses  Ziel  auch  im
einzelnen  Falle  angestrebt  werden  muß.  Andererseits  glaube  ich
aber,  daß  die  Art  der  Unterweisung  oder  Erziehung,  die  die  Ungelernten
  nötig  haben,  nicht  derartig  von  ihrer  Arbeit  abhängig  ist,  daß
wir  für  sie  eine  Fachschule  fordern  könnten,  sondern  daß  wir  auch  bei
ihnen  von  einer  allgemeinen  Fortbildungsschule  sprechen  müßten,
die  im  großen  und  ganzen  die  gleiche  sein  dürfte  wie  auch  für  die
Dienstboten  und  Haustöchter.  Diese  wird  ja  wohl  auch  nach  Stadt
oder  Land,  je  nachdem  es  sich  um  eine  Industriegegend  oder  Nicht-Industriegegend
  handelt,  kleine  Verschiedenheiten  aufweisen.  Jedenfalls
  möchte  ich  bitten,  daß  die  Fortbildungsschule  nicht  als  reine
Fachschule  aufgefaßt  würde,  sondern  daß  sie,  wie  es  bisher  ja  auch
in  Preußen  der  Fall  ist,  auch  mit  erzieherischen  Aufgaben  betraut
werde.

Mein  Verein  ist  stets  für  Religionsunterricht  in  den  Fortbildungsschulen
  eingetreten,  aus  den  Gründen,  die  heute  hier  schon
erörtert  worden  sind  und  die  ich  nicht  näher  darzulegen  brauche.  Wir
haben  weiterhin  eingegriffen  in  die  so  heiß  umstrittene  Frage,  ob  für
Mädchen  hausmütterliche  oder  hauswirtschaftliche  sowie  bürgerkundliche
  Unterweisung  in  die  Fortbildungsschule  hineinbezogen  werden
soll.  Wir  haben  dafür  gehalten,  daß  es  sich  bei  diesen  Unterrichtsstoffen
  um  etwas  handelt,  was  tatsächlich  noch  wichtiger  für  unser
Volk  ist,  als  daß  die  Frauen  in  beruflicher  Hinsicht  auf  die  volle  Höhe
kommen.  Daher  haben  wir  immer  die  Forderung  vertreten,  daß
dieser  Unterricht,  solange  wir  keine  andere  Gelegenheit  haben,  unsere
Frauen  nach  dieser  Seite  hin  auszubilden,  in  die  Fortbildungsschule

ineingehörte.