Welche  gesetzl.  Einrichtungen  sind  f.  d.  Erziehung  d.  Heranwachsenden  notwendig?  93

Nun  ist  uns  heute  morgen  der  Vorschlag  gemacht  worden,  die
hausmütterliche  Unterweisung  in  ein  Pflichthalbjahr  nach  der
Volksschule  zu  legen.  Ich  muß  sagen,  daß  ich  mich  noch  nicht  ohne
weiteres  auf  diesen  Standpunkt  stellen  kann.  So  wichtig  und  notwendig
  es  wäre,  daß  alle  unsere  Mädchen  unterschiedslos  hausfraulich
ausgebildet  würden,  müßte  doch  zunächst  die  Vorfrage  gründlich
erörtert  werden,  ob  wir  diese  Aufgabe  nicht  auf  andere  Weise  besser
lösen  können,  ob  nicht  die  freiwillige  Jugendpflege,  ob  nicht  namentlich
  auch  die  eigenen  Familien  sowie  die  Lehrstellen  mit  herangezogen
werden  können.  Und  gerade  für  diesen  Punkt  wäre  zu  prüfen,  ob
wir  hier  nicht  mit  einem  Mindestmaße  von  Zwang  auskämen,  indem
der  Staat  von  jedem  Mädchen  nur  den  Nachweis  verlangte,  daß  es
die  verlangten  häuslichen  Kenntnisse  sich  verschafft  hätte.  Die  Zeit
gestattet  es  mir  nicht,  eingehend  darzulegen,  inwiefern  die  Unterweisung
  in  diesen  Dingen  in  Familien  sehr  große  Vorzüge  hat  vor
einer  Internatsunterweisung.  Jedenfalls  möchte  ich  davor  warnen
daß  man  sich  in  dieser  Versammlung  in  dem  Punkte  allzu  rasch  auf
irgend  etwas  festlegt.  Gerade  hier  wird  es  heißen,  sehr  gründlich
prüfen,  dann  allerdings  auch  entscheiden  und  handeln.

Frau  Milka  Fritsch,  Königsberg  (Internationaler  Verein
  der  Freundinnen  junger  Mädchen):  Herr  Professor  Fiiesscher
hat  heute  gesagt,  daß  der  Krieg  uns  die  Augen  dafür  geöffnet  habe,
wie  sehr  die  schlechten  Verhältnisse  der  Umwelt  ungünstig  auf  unsere
Jugend  wirken  könnten.  Ich  glaube,  wir  Frauen  haben  ihm  für
dieses  Wort  ganz  besonders  dankbar  zu  sein,  weil  wir,  die
wir  lange  in  der  Pflege  der  weiblichen  Jugend  stehen,  am
besten  wissen,  daß  die  schädlichen  Verhältnisse  der  Umwelt  das  am
schwersten  zu  bekämpfende  Hemmnis  bei  aller  unserer  Jugendpflege
sind,  ganz  besonders  haben  wir  Frauen  unter  den  Übeln  des  öffentlichen
  Lebens  zu  leiden,  ja,  wir  sehen  in  ihnen  eine  so  schwere  Konkurrenz,
  daß  wir  einzelne  von  ihnen  erwähnen  müssen.  Es  ist  das
nicht  etwa  nur  die  Schundliteratur,  es  sind  das  nicht  nur  die  Kinos,
sondern  in  der  weiblichen  Jugendpflege  empfinden  wir  als  die  allerschwerste
  und  schlimmste  Konkurrenz  das  furchtbare  Anwachsen  der
Bars  und  ähnlicher  öffentlicher  Lokale,  der  Kaffees  mit  Musik,  der
Variétés  und  der  Tanzlokale,  die  heute,  geradezu  mit  königlicher
Pracht  ausgestattet,  wie  Pilze  aus  der  Erde  schießen.  Selbst  wenn
es  uns  möglich  sein  sollte,  durch  einen  Zwang  unsere  ganze  weibliche
Jugend  der  Jugendpflege  zuzuführen,  selbst  wenn  wir  die  schönsten
Schutzmaßregeln  finden  würden,  würden  wir  damit  nicht  diese
schwerste  Schädigung,  besonders  für  unsere  weibliche  Jugend,  eindämmen
  können.  Denn  wenn  wir  unsere  jungen  Mädchen  vielleicht
bis  zum  18.  Jahre  behalten  würden  —  solange  wir  nicht  diese  furchtbaren
  Lockungen,  die  auf  ein  armes  Kind  aus  dem  Volke  doch  ganz
anders  wirken  als  auf  uns,  aus  dem  Wege  räumen  oder  wenigstens
eindämmen  können,  solange  werden  diese  jungen  Kinder  nur  warten,
bis  sie  unserer  Zucht  entlaufsen  können,  um  sich  als  Erwachsene  in
dieses  gefährliche  Leben  hineinzustürzen.