Welche  Aufgaben  fallen  der  freiwilligen  Jugendvereinsarbeit  zu?  105

Heranwachsenden  ist.  Es  erscheint  uns  jetzt  höchst  merkwürdig,  daß
die  gesamte  ältere  Jugendpflege  und  mit  ihr  die  gesamte  ältere
Literatur  mit  dem  Jugendverein  als  einer  gegebenen  Größe  operiert.
So  z.  B.  Wartmann  in  seiner  „Geschichte  des  Ostdeutschen
Jünglingsbundes“  ),  oder  Pieper  in  „Jugendfürsorge  und
Jugendvereine"),  um  nur  zwei  der  bekanntesten  Arbeiten  herauszugreifen.
  Man  diskutiert  sehr  weitläufig  über  den  Zweck
des  Vereins,  nicht  aber  über  sein  Wesen.  Der  einzige,  der  —  soweit
ich  die  Literatur  übersehe  —  vielleicht  einen  leisen  Ansatz  zur  Kritik
zeigt,  ist  Andreas  Voigt  in  seinem  Referat  auf  der  9.  Konferenz
  der  alten  Zentralstelle  für  Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen  im
Jahre  190082).  Er  sagt  übrigens,  daß  die  allmähliche  Uberleitung  der
Jugend  von  der  Schule  zur  Selbständigkeit  weder  eine  antiquierte
noch  eine  neue  Aufgabe  sei,  daß  sie  jedoch  einer  Neuregelung  mit
Rücksicht  auf  die  veränderten  wirtschaftlichen  und  sozialen  Verhältnisse
  bedürfe.  Bei  der  Betrachtung  der  der  normalen  Jugend  bestimmten
  erziehlichen  Einrichtungen  erörtert  er  dann  den  Jugendverein,
  allerdings  ohne  scharf  die  Frage  zu  formulieren,  die  uns  heute
bewegt:  welche  besonderen  Aufgaben  Sache  des  Jugendvereins  sind
und  bleiben  müssen,  welche  anderen  aber  der  Lösung  durch  sonstige
Anstalten  überlassen  werden  sollten.  Seiner  Natur  nach,  das  wissen
wir  heute  ganz  genau,  ist  der  Jugendverein  an  gewisse  formale  Bedingungen
  gebunden,  an  die  der  „Freundschaft  und  Freiwilligkeit“,  wie
das  Schlagwort  der  Fachleute  lautet,  wovon  noch  zu  sprechen  sein
wird.  Er  ist  wirksam  nur  für  eine  Auslese  aus  der  Gesamtheit  der
Jugendlichen.

Diese  Erkenntnis  ist  bekanntlich  in  gewissem  Sinne  ein  Geschenk
der  Kriegszeit.  Außere  Umstände,  vor  allem  die  militärische  Vorbereitung,
  führten  die  in  der  Pflege  der  männlichen  Jugend  tätigen
Vereine  dazu,  in  der  praktischen  und  theoretischen  Abwehr  mancher
Störungen  ihrer  Wirksamkeit  ihr  eigenes  Wesen  immer  deutlicher
zu  erkennen  und  zu  umschreiben:  Gelegentliche  Störungen  des
Vereinsbetriebes  durch  die  militärischen  Übungen,  Angriffe  der
Tagespresse  auf  die  vermeintliche  Unzulänglichkeit  der  bisherigen
Jugendpflege  usw.  —  alle  diese  Dinge  sind  den  Sachverständigen  so
geläufig,  daß  diese  Andeutungen  genügen.  Wesentlich  für  unsere
Erörterung  ist,  daß  vor  allem  dank  der  militärischen  Vorbereitung
die  natürlichen  Grenzen  der  Jugendvereinsarbeit  in  der  Erziehung
der  männlichen  Jugend  wohl  zum  ersten  Male  von  breiteren  Kreisen
der  Jugendpfleger  erkannt  wurden.  Grundsätzlich  sind  diese  Grenzen
genau  so  für  die  Vereine  vorhanden,  die  sich  der  weiblichen  Jugend
annehmen,  und  es  ist  zu  vermuten,  daß  fie  allen  Beteiligten  auch
ebenso  deutlich  sichtbar  geworden  wären,  wenn  etwa  von  seiten  der
Regierung  im  Laufe  des  Krieges  eine  Nötigung  zu  systematischer

1)  Berlin  1906,  Verlag  der  Buchhandlung  des  Ostdeutschen  Jünglingsbundes.
*)  M.-Gladbach  1910,  Volksvereinsverlag.

7  „Fürsorge  für  die  schulentlassene  Jugend.“  Berlin  1900,  Carl  Heymanns
ag.