108  Dr.  Hertha  Siemering.

hier  verstanden  als  der  Inbegriff  von  Jugendpflegevereinen,
Wandervogel,  Freideutschen  und  ähnlichen  Jugendverbänden  —  ein
Stück  der  Reaktion  des  lebendigen  Individuums  gegen  die  Gleichmacherei
  unseres  in  vielfacher  Beziehung  vom  Maschinenwesen  bestimmten
  Daseins.  So  müssen  wir  sie  verstehen,  und  so  auch  müssen
wir  sie  einschätzen.

Den  einzelnen  Jünglingen,  den  einzelnen  jungen  Mädchen,  die
sich  heute  den  erfreulichen  Vereinen  anschließen,  würden  wir,  wenn
wir  diesen  Gebilden  die  Existenzberechtigung  absprächen  und  praktisch
danach  handelten,  oft  die  wirksamste  Möglichkeit  rauben,  sich  sittlich
und  geistig  über  ihre  Umwelt  zu  erheben.  Diese  Umwelt  wäre
alsdann  um  so  viel  ärmer,  als  ein  einziger  tüchtiger  und  den
freundlichen  Lebensmächten  verbundener  Mensch  seine  Umwelt  zu
erhellen  vermag.  Deshalb  erkennen  wir  als  zweite  wichtige  Aufgabe
des  Jugendvereins  die  Erziehung  von  Führern  in  der  heranwachsenden
  Generation.

Wesentlich  für  jeden  Führer  ist,  daß  er  sein  Ziel  deutlich  vor
Augen  hat.  Er  muß  wissen,  um  was  und  wohin  es  geht.  Nur  dann
wird  er  aus  freiem  Entschluß  alle  Kräfte  einsetzen,  um  auf  einem
bezeichneten  Wege  voran  zu  streben,  und  nur,  wenn  er  ein  fernes
Ziel  zu  seinem  eigenen  gemacht  hat,  wird  er  in  jugendlicher  Begeisterung
  auch  andere  dafür  zu  erwärmen  suchen.  Sehr  gut  sagt
ein  Praktiker  der  Jugendpflege,  daß  die  Jugend  offen  sehen  muß,
wie  und  wohin  sie  geführt  werden  soll,  damit  sie  Vertrauen  gewinnt).


In  der  Freiheit  der  Zielsetzung  hat  der  Jugendverein  vor  allen
öffentlichen  Erziehungseinrichtungen  einen  erheblichen  Vorteil.  Er  hat
es  nicht  nötig,  gleichzeitig  auf  die  oft  widerstrebenden  Wünsche  verschiedener
  politischer  Parteien  und  religiöser  Gemeinschaften  Rücksichten  zu
nehmen  und  seine  Erziehungsmaßnahmen  auf  die  Mittelstraße  zu
zwingen,  die,  weil  sie  zu  beiden  Seiten  von  Rücksichten  eingebaut  ist,  oft
weder  sonderlich  bequem  noch  gar  golden  ist.  Als  eine  private  gesellschaftliche
  Verbindung  hat  der  Jugendverein  die  Möglichkeit,  mit  seiner
Arbeit  ohne  Kompromisse,  ohne  jede  Einschränkung  ganz  bestimmten
Idealen  zuzustreben.  Er  hat  die  Freiheit,  die  Jugend  evangelisch,
katholisch  oder  jüdisch  zu  erziehen,  er  hat  die  Freiheit,  das  vaterländische
  Moment  etwa  im  Sinne  des  Jungdeutschlandbundes  oder
in  dem  der  deutschen  Turnerschaft  zu  betonen  oder  sonst  ein  bestimmtes
  ethisches  Ziel  sich  zu  setzen,  wie  es  je  in  den  verschiedenen
kleinen  Gruppen  gereifter  Erzieher  und  frei  gewonnener  Zöglinge
anerkannt  wird.  Uneingeschränkt  kann  der  Jugendverein  deshalb  die
Seinen  für  eine  bestimmte  Weltanschauung  erziehen.  Das  ist  seine
dritte  wichtige  Aufgabe.

Im  Lichte  der  Weltanschauung  lassen  sich,  das  sei  hier  eingeschaltet,
wenn  man  sie  von  ihrer  idealistischen  Seite  betrachtet,  auch  die

4)  Stenzel,  Organisation,  in  „Der  Jugendverein.,  liberausgegebem  von  Hans
Weicker.  Berlin  1911,  Carl  Heymanns  Verlag,  S.