112  Dr.  Hertha  Siemering.

Ihre  MWünsche  hierzu  haben  die  Jugendpfleger  mehrfach  geäußert:
Festlegung  des  Programms  der  militärischen  Übungen  für  mehrere
Monate  im  voraus,  und  zwar  mit  weitgehender  Freilassung  des  Sonntags.
  Die  Domäne  des  Jugendvereins  ist  die  Freizeit,  wenigstens
gilt  das  für  den  eigentlichen  Jugendpflegeverein.  Auch  unter  dieser
äußerlichen  Voraussetzung  sind  seine  Aufgaben  zu  betrachten.

Da  die  Jugendvereine  auf  den  freiwilligen  Anschluß  der  Heranwachsenden
  eingestellt  und  da  sie  Stätten  der  Weltanschauungserziehung
  sind,  bestehen  sie  im  heutigen  Deutschland  mit  Notwendigkeit
  in  mannigfaltigen,  untereinander  sehr  verschiedenen  Formen.
Freiwillig  schließt  sich  der  junge  Mensch,  der  Mensch  überhaupvt,  nur
einer  Gemeinschaft  an,  die  seinen  Neigungen  gemäß  ist.  Die  Mannigfaltigkeit
  der  Neigungen  bedingt,  schon  wenn  man  sie  ganz  oberflächlich
  betrachtet,  eine  Mannigfaltigkeit  der  Vereinsformen.  Geht  man
dem  tieferen  Grunde  dieser  Neigungen  nach  oder  verfolgt  man
mindestens  die  tiefer  begründeten  Neigungen,  so  stößt  man  wieder
auf  die  Unterschiede  der  Weltanschauung  als  die  Quelle  der  Vielgestaltigkeit.
  Solange  es  im  deutschen  Volke  verschiedene  Bekenntnisse
  und  verschiedene  politische  Parteien  mit  ihren  wechselseitigen
Ausstrahlungen  in  wirtschaftliche  und  sonstige  Interessengruppen  gibt
und  geben  wird,  solange  sind  auch  Jugendvereine  einheitlicher  Form
unmöglich.  Jeder  Versuch,  diese  Unterschiede  zu  verwischen,  wäre
insofern  kulturwidrig,  als  schlechthin  alle  kulturellen  Leistungen  letzten
Endes  von  der  sittlichen  Stellung  ihres  Trägers  abhängig  sind.  Auch
die  Jugendvereine  sind  Erscheinungen  unseres  Kulturlebens.

Daß  die  Unterschiede  der  Weltanschauung  sich  nicht  verwischen
lassen,  sieht  unser  Verstand  ohne  weiteres  ein.  Jeder  einzelne  Deutsche
empfindet  es  jeden  Tag  in  der  Praxis,  wenn  er  sich  wieder  einmal  davon
überzeugt,  daß  er  mit  diesen  oderjenen  Leuten  nicht  „kann“,  da  die  Dinge,
die  jenen  erstrebenswert  sind,  von  ihm  nicht  oder  doch  nicht  so  wie  von
jenen  empfunden  werden,  und  das,  was  er  will,  wieder  von  jenen  nicht
ebenso  erstrebt  wird.  Und  dennoch,  immer  wieder  wird  jeder  einzelne  von
uns,  sei  es  aus  angeborener  deutscher  Ordnungsliebe,  sei  es  aus
anerzogener  deutscher  Systematik  eine  Stunde  haben,  in  der  er  mit
einem  gewissen  Aufräumungsbedürfnis  an  die  Fülle  der  Erscheinungen
  herangeht  und  sich  wieder  überlegt,  ob  nicht  doch  ein
gesellschaftliches  Gebilde  auszudenken  wäre,  das  mit  mehr  oder  weniger

„Zwang  und  Freiheit“  alles  Vorhandene  umspannte.

In  der  Phase  der  Jugendpflege,  in  der  wir  im  Augenblicke  stehen,
sind  diese  Versuche  besonders  häufig.  Und  ich  möchte,  ohne  auf  diese
Dinge  im  einzelnen  näher  einzugehen  —  das  ist  gleichfalls  Sache  der
Diskussion  —  wenigstens  einen  Versuch  hier  erwähnen,  der  insofern
epochemachend  gewesen  ist,  als  die  theoretische  Erörterung  sich  besonders
  eingehend  mit  ihm  befaßte.  Es  ist  der  Vorschlag  des
Superintendenten  von  Lüpke,  über  das  Ganze  der  Fortbildungsschule,
  der  militärischen  Vorbereitung,  wohl  auch  der  analogen  Unterweisung
  der  Mädchen  und  über  sämtliche  freien  Jugendvereine  von
heute  eine  Überorganisation  zu  setzen,  der  sich  schlechterdings  kein