134  Aussprache.

zwar  nicht  bloß  die  sogenannten  Diener  am  Worte,  sondern,  wo  sie  in
ihren  Kreisen  erwachsen,  die  freiwilligen  Kräfte  da  und  dort,  wirklich
begnadeten  Menschen  für  die  Arbeit  freistellt,  dann  sehe  ich  nicht  ein,
warum  ein  berufsmäßig  sich  der  Jugendpflege  mit  Herz  und  Seele
widmender  Mensch  weniger  geeignet  sein  soll  als  einer,  der  es  nur
in  der  sreien  Zeit  tut.

Ein  kurzes  Wort  zu  einer  anderen  Frage.  Wir  sind  bisher  in
unseren  Zusammenkünften  immer  bei  den  Fragen  stehen  geblieben:
wie  können  wir  die  Technik  unserer  Arbeit  so  gestalten,  daß  sie  erziehungsmäßig
  der  Jugend  nahe  kommt,  und  wir  haben  uns  nie
gefragt:  haben  wir  in  diesen  ernsten,  entscheidenden  Stunden,  wo
wir  mit  ganzer  Seele  dem  Vaterland  und  der  Jugend  gehören,  nicht
die  Aufgabe,  uns  einmal  zu  fragen,  ob  uns  nicht  innerlich  sehr  viel
mehr  verbindet,  als  wir  Wort  haben  wollen,  ob  wir  nicht  einen  Er—
ziehungswillen  an  der  Jugend  haben  in  dem  Sinne,  daß  wir  sie  ganz
ernst  nehmen,  wie  es  gestern  hieß,  das  heißt,  daß  wir  sie  zu  Trägern
neuer  Gedanken  machen,  zu  Trägern  eines  neuen  Familiensinnes,  zu
Trägern  eines  neuen  Berufssinnes,  zu  Trägern  eines  neuen  Staatssinnes
  und  Volkssinnes  und  zu  Trägern  eines  neuen  Ewigkeitssinnes.
Wenn  ich  meine  Wartburger  vor  mir  sehe,  werde  ich  den  Gedanken
nicht  los:  „morituri  te  salutant!  Wir  haben  sie  nicht  bloß  aufs
Leben,  sondern  aufs  Sterben  vorzubereiten  und  uns  noch  einmal
klar  zu  machen:  was  geben  wir  der  Jugend  mit  an  innersten  Antrieben
  des  Lebens,  indem  wir  sie  selber  zu  Vorkämpfern  dafür  machen.
Darauf  kommt  es  an.  Wenn  das  gelingt.  —  —  —  und  ich  glaube
es  wäre  wert,  daß  wir  uns  auch  auf  dieser  Plattsorm  einmal  Auge
in  Auge  das  Herz  aufschließen  und  sagen:  in  dem  Augenblick,  wo  die
Jugend  sich  in  sich  zusammenfaßt  zu  einem  bewußten  Selhbst,  soll  sie
sich  zugleich  loslösen  von  der  Selbstsucht:  Selbstlosigkeit  soll  ihr  als
das  Ziel  aller  lebendigen  Entwicklung  hingestellt  werden,  das  Opfer
als  das,  was  ihr  Lebensberuf  ist,  in  dem  Sinne  Kants:  Nicht  durch
die  Annehmlichkeiten,  die  sie  gewährt,  sondern  durch  die  Opfer,  die  sie
verlangt,  wirbt  die  Tugend  ihre  Anhänger  —  auch  unter  der  Ingend.

Reichstagsabgeordneter  Giesberts,  Berlin  (Mitglied  des  Vorstandes
  der  Zentralstelle  für  Volkswohlfahrt):  Meinesehr  geehrtenTDamen
und  Herren!  Die  Grundfrage,  ob  Freiheit  oder  Zwang  dasrichtige  System
der  Jugendpflege  sei,  ist  für  die  gewerkschaftlichen  Organisationen  in
Deutschland  noch  gar  nicht  aktuell  geworden.  Wir  haben  bisher  uns
überhaupt  das  Recht  erst  erkämpfen  müssen,  uns  der  Jugend  annehmen
  zu  dürfen,  und  alle  Mittel  anwenden  müssen,  um  in  der
Jugendarbeit  nicht  in  den  falschen  Geruch  politischer  Treibereien  zu
gelangen.  Das  Reichsvereinsgesetz  in  neuer  Fassung  gibt  uns  die
Möglichkeit,  uns  in  erhöhtem  Umfange  der  Jugendarbeit  zu  widmen
und  die  Jugend  in  erhöhtem  Maße  für  unsere  Aufgaben  heranzuziehen.
  Dabei  bemerke  ich,  daß  es  nicht  unsere  Aufgabe  ist  und  nicht
einmal  nützlich  für  die  Organisationsgedanken  im  allgemeinen  sein
kann,  die  Jugend  in  einen  Gegensatz  zu  ihren  Arbeitgebern  zu  bringen
und  etwa,  wie  man  zu  sagen  pflegt,  die  jungen  Leute  zu  einer  Art