142  Aussprache.

uns  entgegen,  das  wäre  in  Zukunft  vielleicht  eine  wirtschaftliche  Unmöglichkeit.
  O  nein,  das  ist  keine  wirtschaftliche  Unmöglichkeit.  Wir
müssen  es  gerade  um  der  Jugend  willen  hinausrufen  in  die
Offentlichkeit,  daß  tatsächlich  die  Situation  so  ist,  daß  wir  endlich
einmal  drauf  und  dran  gehen  müssen,  reinen  Tisch  zu  machen,  daß
nicht  bloß  die  Jugend  aufgefaßt  wird  als  ein  Mittel  zum  Gelderwerbe,
  sondern  daß  sie  ein  Recht  auf  pflegliche  Behandlung  ihrer
Persönlichkeit  hat  und  daß  sie  dazu  freie  Zeit  gebraucht.

Ich  muß  auch  davor  warnen,  mit  der  militärischen  Vorbereitung
der  männlichen  Jugend  etwa  irgend  eine  Organisation  zu  privilegieren.
  Das  würde  uns  ein  noch  größeres  Kuddelmuddel  bringen
als  das,  von  dem  eben  mein  Herr  Vorredner  gesprochen  hat,  und
wenn  wir  in  der  militärischen  Vorbereitung  irgend  etwas  leisten
wollen,  dann  können  wir  sie  nicht  mehr  auf  dem  Boden  der  Freiwilligkeit
  aufbauen,  davon  bin  ich  ganz  fest  überzeugt.

Daß  unsere  Jugendwehrkompagnien  nicht  mehr  so  viel  Mitglieder
  erhalten  haben,  wie  sie  anfangs  hatten,  hat  noch  andere
Gründe.  Die  Kleidung  wird  so  viel  mitgenommen  und  obendrein,
die  Anforderungen  sind  so  hoch  gespannt  gewesen,  daß  bei  den  Ausscheidungswettkämpfen
  noch  nachher  die  Anforderungen  in  letzter
Stunde  sehr  herabgemindert  werden  mußten.  Wir  können  deshalb
nur  durch  obligatorische  militärische  Vorbildung  das  erreichen,  was
wir  zu  erreichen  haben  —  auf  anderem  Wege,  glaube  ich,  können
wir  es  überhaupt  nicht  erreichen  —,  und  zwar  vom  17.  Jahre  an.
Vom  14.  bis  zum  17.  Jahre  möchte  ich  doch  das  echte  Jahnsche  Turnen
in  allen  Vereinen  haben,  und  ich  weiß,  daß  unsere  kirchlichen  Vereine
dem  nicht  entgegen  sind,  sondern  gerade  dafür  sind,  nicht  bloß  aus
körperlichen  Gründen,  sondern  auch  aus  Gründen  der  Religion  und
der  Sittlichkeit.  Ich  kann  das  bei  der  Kürze  der  mir  zu  gebote
stehenden  Zeit  leider  nicht  weiter  ausführen.

Oberbürgermeister  Cuno,  Hagen:  Meine  Damen  und
Herren!  Ich  freue  mich  als  alter  Turner  der  letzten  Ausführungen,
  die  wir  eben  gehört  haben.  Vielleicht  bekommen
nach  diesen  Ausführungen  nun  auch  die  konfessionellen  Vereine
  beider  Konfessionen  für  die  Worte  deutscher  Turner  mehr
Verständnis  und  Glauben,  die  auf  das  „fromm“  in  den  vier
Turnsprüchen:  „frisch,  frei,  froh,  fromm!“  hingewiesen  haben,  die
immer  betont  haben,  daß  die  hohe  Aufgabe,  die  die  Turnvereine  sich
gestellt  haben,  nicht  in  der  körperlichen  Ausbildung  sich  erschöpft,
sondern  auch  sittliche  Hebung  der  Jugend  auf  dem  Grunde  wahrer
Frömmigkeit  und  Religiosität  in  ihrer  freien  Vereinsarbeit  erstrebt.
Dann  werden  wir,  glaube  ich,  allerseits  zu  einer  besseren  Verständigung
  mit  einander  kommen.

Es  stehen  zwei  Forderungen  nebeneinander,  die  Jugend  tüchtig  zu.
machen  für  die  Anforderungen  des  Militärdienstes,  dafür  Zeit  zu
erlangen  und  Schonung  und  möglichster  Ausbau  der  —  kurz  ausgedrückt
  —  ethischen  Bestrebungen  der  Jugendpflege.