146  Aussprache.

sittlichen  Persönlichkeit  ist  individualisierende  Einzelarbeit;  diese  kann
in  solchem  Riesenvereine  garnicht  in  dem  nötigen  Maße  gefördert
werden.  Deshalb  möchte  ich  sogar  als  Prinzip  aufstellen,  daß  überall
da,  wo  man  diese  sittliche  Erziehung  der  Persönlichkeit  in  den
Vordergrund  stellt,  ein  sehr  großer  Verein  in  Gruppen  zu  teilen  ist.
Das  ist  eine  Anregung,  die  ich  geben  wollte.

Der  Hauptpunkt  ist  der  andere.  Fräulein  Dr.  Siemerin
sprach  aus,  daß  die  Mannigfaltigkeit  erhalten  werden  und  da
die  Weltanschauung  nicht  verwischt  werden  soll.  Auch  darin  stimme
ich  ihr  bei.  Mannigfaltigkeit  ist  Reichtum,  und  eine  Uniformierung
uf  bem  Gebiete  der  Jugendpflege  wäre  eine  Verarmung.  Das  ist  gar
eine  Frage.

Nun  die  Weltanschauung!  Da  möchte  ich  mich  zunächst  doch  sehr
energisch  gegen  einen  der  Herren  Vorredner  wenden.  Er  hat  hier
zu  meiner  Betrübnis  ausgesprochen,  in  Deutschland  habe  in  der
letzten  Zeit  die  Gesinnungslumperei  Orgien  gefeiert.  Ich  meine,  das
ist  nach  der  Art,  wie  das  deutsche  Volk  sich  jetzt  im  Kriege  bewährt  hat,
ein  Vorwurf,  den  es  nicht  verdient  hat  und  der  nicht  unwidersprochen
hinausgehen  soll,  wenigstens,  was  meine  Person  anlangt.

Das  Verwischen  der  Weltanschauung  —  ich  glaube,  das  gibt  es
gar  nicht.  Denn  wenn  eine  Weltanschauung  da  ist,  läßt  sie  sich  überhaupt
  nicht  verwischen,  sonst  ist  es  eben  keine  Weltanschauung.  Weltanschauung
  ist  doch  die  feste,  innere,  bewußte  Üüberzeugung  und  Einstellung
  in  das  ganze  Dasein  und  Weltgebilde,  und  solche  Überzeugung,
  welcher  Art  sie  auch  sei,  ist  ein  Stück  von  uns  selbst  und  lebt
und  stirbt  mit  uns,  die  kann  nicht  verwischt  werden.  Etwas

nz  anderes  ist  aber  die  gegenseitige  Fühlungnahme  der  ver-Piichenen
  Weltanschauungen.  Diese  brauchen  wir  allerdings,  wenn
wir  eine  nationale  Einheit  haben  wollen.  Man  hat  in  Nordhausen
—  das  haben  Sie  ja  alle  in  den  Zeitungen  gelesen  —  in  diesen
Tagen  den  interessanten  Versuch  gemacht,  gemischt-parteiliche  Konferenzen
  einzuführen,  bei  denen  Vertreter  der  verschiedenen  politischen
Richtungen  sich  aussprechen  sollen.  Das  Programm,  das  man  aufgestellt
  hat,  das  Ziel,  ist  ein  dreifaches:  Erstens  das  Kennenlernen
der  verschiedenen  und  entgegengesetzten  Auffassungen  durch  freie  Aussprache
  derselben,  zweitens  da,  wo  es  irgendmöglich  ist,  das  Gemeinsame
  herauszufinden  und  auf  dessen  Grundlage  zusammen  zu  arbeiten,
  drittens  da,  wo  dies  unmöglich  ist,  auch  der  fremden  Anschauung
  zuzuerkennen,  daß  sie  das  Beste  des  Ganzen  will  und  von
vaterländischem  Geiste  getragen  wird.

Ich  glaube,  daß  wir  genau  dasselbe  Prinzip  für  unsere  Jugendpflege
  aufstellen  können,  und  daß  wir  versuchen  sollen,  an  verschiedenen
Orten  durch  die  Vereine  der  verschiedenen  Richtungen  in  diesem
Sinne  zueinander  Fühlung  zu  nehmen,  und  zwar  in  doppelter
Weise,  einerseits  die  Leiter  der  Vereine,  um  sich  gegenseitig  zu  verständigen,
  andererseits  soll  man  aber  auch  weitergehen,  meine  ich,  die
Mitglieder  der  Jugendvereine  miteinander  bekannt  machen  von  den
ganz  verschiedenen  Richtungen  her,  sie  bei  patriotischen  Gelegenheiten,
bei  Veranstaltungen,  wo  das  möglich  ist,  bei  Wanderungen  usw.  zu-