Die  Jugendbewegung.  157

Als  Aufgabe  dieser  Jugendbewegung  bezeichnet  Herr  Dr.  Wyneken
folgende  (S.  28):  „Eine  Tat  aber  und  ein  Kampf  müssen  gefordert
werden:  nämlich  die  Eroberung  der  Schule.  Wenn  allein
die  geistige  Wiedergeburt  der  Schule  zu  einer  Jugendkultur  führen
kann,  so  ist  der  Kampf  um  die  Schule  in  diesem  Sinne,  aber  natürlich
nicht  im  Sinne  einzelner  Schulreformen,  geradezu  die  Aufgabe  der
freideutschen  Jugend.“

Ich  möchte  bemerken,  daß  die  Broschüre  aus  einer  Zeit  stammt,
in  der  Herr  Wyneken  dem  Freideutschen  Verbande  vorübergehend
angehörte  und  in  der  er  diese  Forderung  stellte.  (Er  sprach  von  einem
Ziele,  das  der  freideutschen  Jugend  vorschweben  müsse.)  Zum  Teile
gerade  auch  wegen  dieser  Forderung,  die  als  ein  einseitiges  Tatziel
und  als  eine  Ablenkung  der  Jugend  von  ihren  eigentlichen  Aufgaben
ompfunden  wurde,  ist  die  Trennung  zwischen  Herrn  Dr.  Wyneken
und  dem  Freideutschen  Verband  erfolgt.

Die  Jugendkulturbewegung  besitzt  also  nach  Herrn  Wyneken  nur
einen  Ort,  wo  sie  verwirklicht  ist,  nur  eine  Gemeinschaft:  die
freie  Schulgemeinde  Wickersdorf.  Als  Oberbau  zu  ihr  beabsichtigt
Herr  Wyneken  in  einer  „Jugendburg"  eine  Sammelstelle  für  die  aus
der  freien  Schulgemeinde  herausgewachsene  und  die  ihr  geistig  verwandte
  Jugend  zu  schaffen.  Um  hier  in  einem  Bilde  von  Herrn
Wyneken  zu  sprechen,  soll  hier  der  Jugendkulturbewegung  ein  Auge
eingesetzt  werden,  ein  Gehirn,  wo  sie  ihr  eigenes  Wesen  selbst  denkt.

Unabhängig  von  dieser  bisher  nur  in  der  freien  Schulgemeinde  verwirklichten
  Jugendkulturbewegung  entstand  die  Anfang-Bewenung.
  An  ihrer  Spitze  standen  zwei  Jugendliche:  Bernfeld  und
Barbizongy.  Ihre  Bestrebungen  unterstützte  Herr  Dr.  Wynekene:).
liber  diese  Anfang-Jugendbewegung  berichtete  Herr  Wyneken
gelegentlich  eines  öffentlichen  Vortrages  in  München  folgendes?)“
Es  ist  „eine  erziehungsreformerisch  gerichtete,  die  das  Leben  besonders
  des  Schülers  in  der  Großstadt  organisieren  will.  Der  Platz,
wo  sie  sich  ausspricht,  ist  der  „Anfang“.  Einigermaßen  parallel  mit
dieser  Bewegung  und  im  weiteren  Sinne  zu  ihr  zu  rechnen  geht  eine
studentische  pädagogische  Bewegung“  (das  Akademische  Komitee  für
Schulreform).

1.  Die  Zeitschrift:  „Der  Anfang“  —  sie  ist  während  des  Krieges
nicht  erschienen  —  enthielt  einen  freien  Sprechsaal  für  die  Schüler)
und  den  sogenannten  Klassenspiegel,  in  dem  besonders  die  Schäden
des  Mittelschulsystems  an  Beispielen  beleuchtet  wurden.  Ausführlich
ist  die  Absicht  dieser  Zeitschrift  von  Herrn  Wyneken  selbst,  der  ihr

1)  Neben  ihnen  nahm  ein  auffallend  großer  Prozentsatz  von  Juden  an  dieser
Bewegung  teil.  Die  bei  der  jüdischen  Rasse  früher  in  Erscheinung  tretende
körperliche  und  geistige  Reife,  verbunden  mit  dem  beweglicheren  Temperament
und  der  entsprechenden  Aktivität,  kennzeichnen  diese  Bewegung.  So  spiegelte
auch  das  Organ  der  Bewegun  „der  „Anfang“,  weniger  die  Not  der  deutschen
Jugend  schlechthin,  als  vie  meh-  die  Not  der  jungen  deutschen  Juden  wider.

2)  „Was  ist  Jugendkultur?“  S.  34.

2)  „Die  freideutf  e  Jugend  im  bayerischen  Landtag.“  S.  28.