160  Dr.  med.  Knud  Ahlborn.

In  formaler  Beziehung  kann  diese  Jugendbewegung  eine  Bewegung
  der  Jugend  zur  „Jugendpflege  an  sich  selbst“  genannt
werden.  (Insofern  stellt  sie  einen  Teil  der  allgemeinen  Jugendpflegebewegung
  dar.)  —  In  inhaltlicher  Beziehung  zeigt  diese
Jugendbewegung  aber  einen  ausgesprochen  selbständigen  Charakter:
Sie  umfaßt  zahlreiche  kleine  festgefügte  Gemeinschaften,  die  auf
Wesensverwandtschaft  und  Auslese,  also  auf:  Wahlverwandtschaft  beruhen.
  Diese  Gemeinschaften  sind  ihrerseits  wieder  zu  Bünden  vereinigt,
  und  die  Bünde  wachsen  langsam  zu  einer  übergeordneten
großen  Einheit  zusammen.  In  den  Gemeinschaften  ist  in  weitgehender
  Übereinstimmung  ein  eigener  Lebensstil  entwickelt  und  wird
immer  weiter  ausgebildet.  Auch  die  geistigen  Interessen  dieser
Jugendbewegung  sind  besondere.  (Insofern  kann  sie  neben  die
Jugendpflegebewegung  gestellt  werden.)  Das  Wesen  dieser  Jugendbewegung
  kann  ohne  eine  genauere  Kenntnis  ihres  geschichtlichen
Werdeprozesses  nicht  begriffen  werden.

Die  Hauptwurzeln  dieser  Jugendgemeinschaftsbewegung
  und  zugleich  die  Grundtypen  ihrer  Gemeinschaftsbildung
  sind:  der  Hamburger  Wanderverein  und  der
Urwandervogel  in  Berlin.  Dabei  sei  jedoch  sogleich  besonders
  betont,  daß  die  heutigen  Wandervogelbünde  weit  über  die
hier  als  Wandervogel  bezeichnete  Vorstufe  hinausgewachsen  sind.

Beide  entstanden  aus  einem  Gegensatze  zu  Bestehendem.  Der
Wanderverein  in  der  älteren  Jugend  —  er  setzte  sich  aus  Primanern
der  verschiedensten  Schulen,  jüngeren  Kaufleuten,  jungen  Studenten
und  Lehrern  zusammen  —  aus  dem  Gegensatze  zu  den  Formen,  in
denen  sich  die  Geselligkeit  der  Jugend  bis  dahin  abspielte  (in  den
Primanertrinkvereinen,  den  snobistischen  Sportklubs  und  den  geistund
  stillosen  Tanz-=  und  sonstigen  Vergnügungen  der  Geiellschaft  z.
Der  Wandervogel  in  der  jüngeren  Jugend,  aus  der  Empörung  vor
allem  gegen  den  jedes  freie  lebendige  Wachstum  der  jugendlichen
Seele  unterdrückenden  Schulbetrieb.  Der  Wanderverein  erstrebte
von  vornherein  eine  „Reform  der  gesellschaftlichen  Jugendkultur“,
eine  Umgestaltung  der  Lebensführung  der  großstädtischen  Jugend;
er  wollte  dieser  Jugend  „erstrebenswerte  Ziele  zeigen  und  echte
deutsche  Art  auf  alle  Weise  fördern“.  Er  hatte  also  ein  ausgesprochen
jugendpflegerisches  Prinzip  und  war  von  Anfang  an  bewußt  aufbauend.
  Der  Wandervogel  dagegen  floh  aus  der  verfahrenen  Großstadtkultur
  und  führte,  so  weit  er  es  irgend  bei  dem  herrschenden
Schulzwange  durchsetzen  konnte,  ein  freies  „Vagantenleben“  mit
romantischen  Fahrten  und  einem  künstlerischen  Sichversenken  in.
Natur  und  Volkstum.  Der  Wanderverein  erfüllte  sein  Gemeinschaftsleben
  mit  Wanderungen  und  Reisen,  mit  Besichtigungen  von  Werken
der  Industrie  und  des  Handels,  mit  Diskussionen  und  einer  in  konsequentem
  Wechsel  von  Experiment  und  Kritik  aufgebauten  Geselligkeit.
  Der  Wandervogel  überließ  seine  Geselligkeit  ungezwungenem
Wachstum  und  paßte  sich  nur,  so  gut  er  konnte,  auf  seinen  Wanderungen
  der  Natur  und  der  gastfreundlichen  Landbevölkerung  an.  Der
Wanderverein  „beschäftigte“  sich  mit  Weltanschauungsfragen,  er