162  Dr.  med.  Knub  Ahlborn.

stinenter  Studenten  so  fehr  in  ihrer  Entwicklung  beeinflußt,  daß  sich
mehr  und  mehr  ein  einheitlicher  Typus  der  modernen  studentischen
Korporation  herausgebildet  hat,  deren  eigentliches  Wesen  es  ist,
bendenzlose  Erziehungsgemeinschaft  auf  akademischer  Grundlage
zu  sein

Durch  ein  von  außen  kommendes  Ereignis  wurde  der  Einigungsgedanke
  einen  großen  Schritt  der  Verwirklichung  näher  gebracht.
Das  offizielle  Deutschland  rüstete  sich  zu  der  Jahrhundertfeier
der  Leipziger  Völkerschlacht.  In  den  Kreisen  der  Alkoholgegner
sah  man  dies  Ereignis  mit  Besorgnis  näher  kommen.  Man
sah  voraus,  daß  die  geplante  Feier  zu  einem  glänzenden  und
rauschenden  Feste  werden  würde,  bei  dem  Bier  und  Sekt  in
Strömen  fließen  und  die  dazu  gehörigen  unerfreulichen  Begleiterscheinungen
  sich  einstellen  würden.  Da  tauchte,  ich  glaube
nerst  im  „Vortrupp“,  der  Plan  auf,  eine  Gegenkundgebung  zu  veransalten,
  etwa  in  Form  einer  Demonstration  in  Leipzig  selbst,  und  zu
dieser  Demonstration  den  ganzen  Heerbann  der  Alkoholgegner  aufzurufen.
  Dieser  Plan  wurde  von  den  neuen  studentischen  Korporationen,
  dem  Bunde  abstinenter  Studenten  und  der  Deutschen
akademischen  Freischar  aufgegriffen.  Aber  man  erkannte  hier  sofort,
daß  mit  einer  Gegenkundgebung  gegen  das  Leipziger  Fest  eine  selten
günstige  Gelegenheit  gegeben  sei,  einmal  ein  großes  Fest  der
neuen  deutschen  Jugend  zu  feiern,  das  ihre  Eigenart  und
Besonderheit  einmal  voll  zum  Ausdrucke  brächte.  Man  ahnte,  daß
durch  die  einfache  Berührung  all  der  wesensverwandten  Jugendbünde
spontan  ein  Funke  überspringen,  ein  lebendiger  Kontakt  sich  herstellen
und  aus  diesem  Erlebnisse  heraus  die  langersehnte  übergeordnete  Gemeinschaft
  der  neuen  Jugend  entstehen  würde.  In  der  Freude  über
das  voraussichtliche  Gelingen  dieses  Planes  übersah  man  eine  der
wichtigsten  Bedingungen  zum  ungestörten  Erfolge:  man  vergaß  dafür
zu  sorgen,  daß  zu  dem  Feste  nun  wirklich  nur  die  wesensverwandte
Jugend  zusammenkam.  Man  opferte  dem  Gedanken  der  „Kundgebung
  gegen  das  Leipziger  Fest“  einen  Teil  dieser  Voraussetzungen
und  bot  wirklich  einen  möglichst  großen  Heerbann  auf.  So  kam  der
Vortrupp  zur  Freideutschen  Jugend,  der  damals  noch  keinerlei  außer
in  seiner  Sache  selbst  liegende  Auslesegrundsätze  und  keinerlei  höheres
Gemeinschaftsleben  hatte  und  der  nur  zum  kleineren  Teile  überhaupt
  aus  Jugend  bestand.  Ahnlich  war  es  mit  dem  Bunde  für  freie
Schulgemeinden.  Dagegen  erfaßte  man  bei  der  Einladung  der
Schulgemeinde  Wickersdorf  und  in  den  deutschen  Landerziehungsheimen
  wenigstens  Gemeinschaften,  die  zwar  von  Alteren  gegründet
waren,  aber  in  den  Dienst  jugendlichen  Lebens  gestellt  und  vorwiegend
von  der  Jugend  selbst  getragen  sind.
Trotz  dieser  bunten  Zusammensetzung  schenkte  das  Meißner
Fest  das  große  Erlebnis,  das  man  so  sehnlich  von  ihm  erhofft  hatte:
Es  verband,  fast  möchte  ich  sagen,  mit  unwiderstehlicher  Gewalt  die
Jugendgruppen  miteinander,  trotz  des  Einspruchs,  der  z.  B.  vom
Vortrupp  gegen  einen  solchen  Zusammenschluß  als  Selbstzweck  geleistet
  wurde,  trotz  der  Versuche  mancher  Vertreter  der  älteren  Gene-