Die  Jugendbewegung.  163

ration,  die  Jugend  für  außerhalb  ihrer  selbst  liegende  Ziele  einzufangen.
  So  stark  war  der  Einigungswille  der  Jugend,  daß  sie  sogleich
  sich  zu  einer  festen  Gemeinschaft  zusammenschloß.

Leider  hatte  der  größte  Wandervogelbund,  der  Wandervogel  e.  V.,
von  dem  gänzlich  unbegründeten  und  falschen  Vorurteil  ausgehend,  es
möchte  auf  dem  Meißner  zu  einer  politischen  Kundgebung  kommen,
seine  Teilnahme  als  Bund  abgesagt,  und  ähnliche  Motive  mögen  auch
den  Leiter  der  deutschen  Landerziehungsheime  veranlaßt  haben,  mit
seinen  Schulen  nicht  nach  dem  Meißner,  sondern  nach  Leipzig  zu
gehen.  Der  Altwandervogel  war  aus  dem  falschen  Vorurteil,  er  dulde
die  alten  Trinksitten,  nicht  eingeladen  worden.  So  konnte  das
Meißner  Fest  doch  nicht  zu  einer  Einigung  der  Gesamtheit  der  „freideutschen
  Jugend“  führen.  „Freideutsch“  hier  als  Begriff  für  die
ihrem  Wesen  nach  nächstverwandten  Jugendbünde  genommen.  Dennoch
wurde  auf  dem  Meißner  von  der  hier  vertretenen  Mehrzahl  aller  in
Frage  kommenden  Jugendgemeinschaften  die  übergeordnete  Einheit
aufgerichtet,  der  „Verband  freideutsche  Jugend“.

Von  vornherein  war  der  Verband  festgeschlossen:

„Zur  freideutschen  Jugend  gehören  ausschließlich  die  Gemeinschaften,
  die  das  Meißner  Programm  unterzeichnet  haben.  Neuaufnahmen
  von  Gruppen  in  die  freideutsche  Jugend  bedürfen  einer
Übereinkunft  jener  Gemeinschaften.“

Das  Wesen  der  freideutschen  Jugend  versuchte  man  in  folgende
beariffliche  Wortformel  zu  fassen,  die  aber  leicht  mißdeutet  werden
ann:

„Die  freideutsche  Jugend  will  aus  eigener  Bestimmung  vor
eigener  Verantwortung  in  innerer  Wahrhaftigkeit  ihr  Leben  gestalten.
  Für,  diese  innere  Freiheit  tritt  sie  unter  allen  Umständen  geschlossen
  ein.“

Gänzlich  wurde  auch  in  diesem  Stadium  der  Entwicklung  übersehen,
  daß  in  den  neuen  Verband  Gruppen  mit  unjugendlichen  Zielsetzungen
  miteingeschlossen  waren,  Gruppen,  in  denen  nicht  die
Jugend  Träger,  sondern  mehr  oder  weniger  Objekt  der  Gemeinschaftsarbeit
  war.  Die  Folgen  dieser  Verbindung  zeigten  sich  alsbald.

Nach  dem  Meißner  Feste  hatte  die  freideutsche  Jugend  eine  große
Krise  durchzumachen.  Die  Leiter  des  mitangeschlossenen  „Vortrupp“
und  der  Leiter  des  „Bundes  für  freie  Schulgemeinden“,  Herr
Dr.  Wynoken,  hatten  eine  Darstellung  vom  Sinne  und  Wollen  des
neuen  Verbandes  veröffentlicht,  die  zwar  den  besonderen  Zwecken  der
von  ihnen  vertretenen  Gruppen  sehr  dienlich  war,  sich  aber  mit  dem
Sein  und  Wollen  der  eigentlichen,  von  der  Jugend  selbst  geschaffenen
Gemeinschaften  nicht  deckte.  Hinzu  kamen  Mißdeutungen  des  Programms
  unter  gleichzeitiger  Verkennung  des  festgeschlossenen  Verbandscharakters
  durch  den,  wie  erwähnt,  zu  Herrn  Wyneken  in  perfönlicher
  Beziehung  stehenden  „Anfang“,  ferner  auch  durch  das  ebenfalls
  mit  Herrn  Wyneken  in  Verbindung  stehende  „Akademi  cte
Komitee  für  Schutreform.  Obgleich  diese  weder  der  histori
Entwicklung  noch  ihrem  Wesen  nach  mit  der  tschen  Jugend
etwas  zu  tun  hatten,  erweckten  sie  den  Ans  dan  gehlrenn,

117