164  Dr.  mod.  Knud  Ahlborn.

und  beschworen  dadurch  den  bekannten  Angriff  des  bayerischen
Zentrums,  der  sich  gegen  ihre  besonderen  Bestrebungen  auf  Eroberung
  der  Schule  und  so  weiter  richtete,  auch  auf  die  freideutsche
Jugend  mit  herab.

In  Marburg  Ostern  1914  erfolgte  auf  einem  Vertretertage
  der  freideutschen  Jugend  darum  die  deutliche  Betonung
des  geschlossenen  Verbandscharakters  einerseits,  die  Abtrennung
aller  sogenannten  Alters-  und  Zweckverbände  mit  außerhalb  der
Jugend  liegenden  Zielen  andererseits  und  die  Neuformulierung
  des  leicht  mißdeutbaren  Meißner  Programms,  die  allerdings
wieder  einigermaßen  mißglückte.  In  Marburg  also  wurde  die  freideutsche
  Jugend  ausschließlich  auf  „Jugendbünde“  reduziert,  d.  h.  auf
Gemeinschaften,  die  von  der  Jugend  selbst  geschaffen  waren  und  die
wollten,  daß  nun  auch  ihre  Gesamtheit,  unbegünstigt  aber  auch  unabhängig
  von  Autoritäten,  von  der  Jugend  selbst  getragen  werde.
(Erster  Satz  des  Marburger  Programms.)  Versuche  von  Freistudenten
  und  von  seiten  des  „Anfang“,  sich  trotzdem  erneut  gegen  deren
Willen  der  freideutschen  Jugend  aufzudrängen  oder  wenigstens  den
Verband  zu  sprengen,  scheiterten  wiederholt,  führten  aber  doch  dazu,
die  Begriffe  über  die  tatsächliche  Zusammensetzung  der  freideutschen
Jugend,  ihre  Ziele  und  Aufgaben  zu  verwirren.

Dazu  kam  mit  Kriegsausbruch  die  praktische  Suspendierung  der
meisten  freideutschen  Gemeinschaften,  so  daß  die  freideutsche  Bewegung
  nahezu  zum  Stillstande  kam.  Es  war  das  Verdienst  der  Hamburger
  freideutschen  Jugend,  zuerst  wieder  ein  gemeinsames  geistiges
Band  um  die  Freideutschen  zu  schlingen,  die  vielfach  zerrissenen
Fäden  wieder  anzuknüpfen.  Die  Zeitschrift  „Freideutsche  Jugend“
(Verlag  Adolf  Saal,  Hamburg)  spiegelt  die  Entwicklung  der  freideutschen
  Bewegung  während  des  Krieges  deutlich  wider.

Ostern  dieses  Jahres  (1916)  ist  dann  in  Göttingen  der  Verband
freideutscher  Jugend  wieder  zu  einer  festen,  arbeitsfähigen  Gemeinschaft
  zusammengeschlossen  worden.  Gegenwärtig  umfaßt  er  die
Jugend  verschiedenen  Alters  und  kann  in  einem  anschaulichen  Bilde,
nach  Entwicklungsstufen  geordnets"),  etwa  so  geschildert  werden:

1.  Die  Stufe  des  Wandervogels:  Jugendpflegestufe  —  Erziehung
durch  andere  —  weitherzigere  Auslese  durch  die  Führer
(I.--W.-V.,  O.  W.-V.,  Jungwanderer,  Bund  abstinenter  Schüler,
Dürer-  und  Odenwaldschule).

2.  Die  Stufe  der  Wanderer  und  der  akademischen  Gruppen
—  gegenseitige  und  Selbsterziehung  mit  strenger  Auslese
(B.  D.  W.,  D.  A.F.,  D.  B.  A.  St.,  A.V.,  N.  A.G.).

3.  Die  Stufe  der  Tatgemeinschaften  (sie  ist  erst  in  Entwicklung
begriffen—lockere,  interkorporative  Studiengemeinschaften  und
Arbeitsgemeinschaften,  evtl.  Kampfgemeinschaften,  zwanglos

8)  Diese  Ordnung  ist  übrigens  grob  schematisch.  Der  einzelne  Freideutsche
wird  oft  als  Führer  in  der  ersten  und  als  Mitglied  in  der  zweiten  Sufe  stehen.
Noch  häufiger  wird  ein  Mitglied  der  zweiten  Stufe  leich  auf  diesem  oder
jenem  Gebiete  Mitarbeiter  in  einer  Tatgemeinschaft  der  dritten  Stufe  sein.