Die  Jugendbewegung.  169

deuten,  die  diese  neue  Jugend  einmal  in  Taten  umsetzen  möchte,  die
sich  aber  zu  der  inneren  Gesinnung  der  Freideutschen  Jugend  so  verhalten
  wie  eine  „äußere“  zu  einer  „inneren“  Kirche:

Eine  neue  Schule,  in  der  Schüler  und  Lehrer  eine  feste
Gemeinschaft  bilden  —  sie  braucht  deswegen  durchaus  nicht  die  äußere
Form  einer  freien  Schulgemeinde  zu  tragen  —,  die  nicht  in  erster  Linie
eine  Anhäufung  von  Wissensstoff  und  eine  Bewertung  des  Menschen
nach  seinem  Lernvermögen,  nach  seinem  lexikalischen  Fassungsvermögen
  bezweckt,  sondern  eine  Bildung  zu  festen,  unbedingt  treuen
und  zuverlässigen  Charakteren.

Eine  neue  Kirche,  die  eine  Heimstätte  der  lebendigen  Lehre
vom  göttlichen  Leben  wäre,  die  die  Lehre  Christi  und  den  Lebenswandel
  der  größten  und  gütigsten  Menschen  aller  Zeiten  in  leuchtenden
  Bildern  vor  dem  Volke  aufrichtete  und  deren  Diener  in  ihrem
eigenen  Leben  die  Lehre  beispielgebend  vorlebten.

Ein  neues  Elternhaus,  in  dem  die  Familie  wieder  der
Mittelpunkt  eines  gesunden  Lebens  würde,  in  dem  Alt  und  Jung
ständig  bereitwillig  miteinander  und  voneinander  lernen  und  sich
zum  Dienste  an  den  höheren  Gemeinschaften,  an  Gemeinde,  Kirche
und  Staat,  anhalten  würden.

Eine  neue  Güterverteilung,  in  der  nicht  einzelne  in
übermäßigem  Wohlleben  schwelgen  und  ihren  Besitz  über  weite
Landstrecken  ausdehnen,  während  Tausende  in  elendsten,  menschenunwürdigen
  Höhlen  zugrunde  gehen.

Eine  neue  Warenproduktion,  in  der  nicht  Schundwaren
  und  die  Gesundheit  untergrabende  Genußmittel,  wie  Alkohol
und  Tabak,  in  Uberfluß  erzeugt  werden  dürfen,  während  es  an  den
nötigsten  Waren:  an  Backsteinen  zum  Bau  von  Eigenhäusern,  ja  jetzt
sogar  am  täglichen  Brote,  mangelt  (man  bedenke,  daß  nach  den  Mitteilungen
  des  Vereins  gegen  den  Mißbrauch  geistiger  Getränke  in
seinem  Flugblatte:  „Bier  und  Brot“  noch  jetzt  bei  uns  tagtäglich  so
viel  Gerste  versotten  wird,  daß  man  damit  10  Millionen  Menschen
mit  ihrem  täglichen  Brotbedarf  von  220  Gramm  versorgen  könnte),
und  dies  alles,  während  die  wahren  Wohltäter  der  Menschheit:
Dichter  und  Denker,  elend  zugrunde  gehen.

Ich  möchte  jedoch  ganz  besonders  hervorheben,  daß  alle  diese  Reformen
  nicht  in  ihrer  Vereinzelung,  sondern  in
ihrer  Gesamtheit  und  mit  allen  sich  daraus  ergebenden
Wechselbeziehungen  von  den  Alteren  in  der  Freideutschen  Jugend  gefordert
  werden.  Wenn  auch  bei  der  praktischen  Arbeit  an  der  Verwirklichung
  solcher  Forderungen  sich  die  Notwendigkeit  der  Arbeitsteilung,
  der  Spezialisierung  ergibt,  so  wird  doch  im  Vordergrunde
des  Bewußtseins  immer  die  gegenseitige  Verpflichtung  aller  Einzelreformen
  und  die  Erkenntnis  stehen,  daß  nur  in  ihrer  Gesamtverwirklichung
  der  ersehnte  höhere  Lebenszustand  gewährleistet  werden  kann.
Damit  ist  aber  gegenüber  allem  „Reformphilistertum“  und  „Reformfanatismus“
  eine  deutliche  Grenze  gezogen.  Z.  B.  wird  den  Freideutschen
  niemals  genügen,  daß  irgendwo  Alkoholabstinenz  verwirklicht
  ist,  also  nur  Hemmnisse  für  eine  höhere  Lebensgestaltung  be-