170  Dr.  med.  Knub  Ahlborn.

seitigt  sind,  wenn  nicht  alsbald  diese  höhere  Lebensgestaltung  selbst  in
den  Mittelpunkt  der  Arbeit  gestellt  wird.  Ebenfalls  werden  die  Freideutschen
  Alteren  nie  zugeben,  daß  die  von  Wyneken  geforderte
„Eroberung  der  Schule“  die  alleinige  oder  auch  nur  die  wichtigste  Aufgabe
  darstelle.

Jch  begnüge  mich  mit  diesen  Andeutungen,  die  Ihnen  zeigen,  daß
in  dieser  Jugend  der  Wille  erwacht  ist,  die  Wirklichkeit  nach  einem
neuen  Bilde  zu  gestalten  oder  vielmehr  nach  einer  Zusammenschau
  all  der  großen  Bilder,  die  uns  Kant  hinsichtlich  der  Beziehung
der  Völker  zueinander,  Fichte  hinsichtlich  der  inneren  Aufgaben
der  Nation,  Nietzsche  hinsichtlich  der  inneren  Folgerichtigkeit  in
den  Taten  des  Einzelnen  (wenn  auch  oft  in  unzureichenden  Bildern),
Lagarde  über  „Deutschen  Glauben  und  deutsches  Vaterland“,
unter  den  Lebenden  ein  Natorp,  Avenarius,  Kerschensteeiner,
  von  Gruber,  Damaschke  und  wie  sie  alle  heißen
mögen,  aufgerichtet  haben.  Zu  allen  diesen  Männern  fühlt  sich  diese
neue  deutsche  Jugend  hingezogen,  allen  diesen  bringt  sie  ihre  offenen
Herzen  dar.  Mit  ihnen  möchte  sie  so  etwas  wie  eine  unsichtbare  Gemeinschaft
  bilden,  mit  ihnen  im  Bunde  das  Leben  meistern.

Ob  das  Werk  freilich  gelingen  wirde  Das  hängt  zunächst  davon
ab,  daß  wir  im  Felde  siegen,  daß  wir  daheim  zusammenhalten,  daß
nicht  die  innere  Arbeit  dieser  Jugend  durch  ein  Reichsjugendwehrgesetz
  in  einer  Form,  die  der  Gemeinschaftsarbeit  keine  Zeit  und
Kraft  mehr  läßt,  unmöglich  gemacht  werde,  und  sie  „nach  ihrer  eigenen
Bestimmung,  vor  eigener  Verantwortung,  in  innerer  Wahrhaftigkeit
ihr  Leben  gestalten“  läßt,  so  wie  sie  nach  ihrem  innersten  Gesetz,
ihrem  persönlichen  Gewissen  es  tun  muß.

Gewiß  werden  nun  die  Anhänger  einer  umfassenden  Zwangsjugendpflege
  erwidern:  „Eure  Bestrebungen  in  Ehren;  derartige
  Grundsätze  kann  man  vielleicht  für  eine  kleine  Ausleseschar  von
Jugend  der  höheren  Stände  gelten  lassen,  aber  doch  nicht  für  die  breite
Masse  aller  Jugendlichen,  von  der  Ihr  doch  höchstens  den  Bruchteil
eines  Prozents  ausmacht!  Wenn  aber  durch  unseren  Zwang  die
gesamte  Jugend  gehindert  werden  kann,  ihr  Geld,  ihre  Zeit  und  ihre
Kraft  zu  verschwenden,  und  vor  allem  dazu  gezwungen  wird,  körperlich
  sich  auszubilden,  dann  schadet  es  nicht,  wenn  wir  auf  den  Lurus
Ehres  Gemeinschaftslebens  verzichten.  Das  ist  dann  das  kleinere

1  e  77

Gegen  diese  Argumentation  ist  scheinbar  nicht  aufzukommen.
Dennoch  meine  ich,  daß  auch  hier  —  wie  sonst  in  unserem  Staate  —
die  höheren  Lebensformen  unter  allen  Umständen  erhalten  und  geschützt
  werden  müssen.  Solange  wir  uns  den  Luxus  höherer  Bildungsanstalten
  leisten  können,  solange  wir  überhaupt  in  unserer
höheren  Differenzierung  unsere  nationale  Stärke
erblicken,  solange  besteht  auch  unsere  Forderung  nach  einem  höheren
Gemeinschaftsleben  der  Jugend  zu  Recht.  Wir  verlangen  damit  keineswegs,
  daß  die  ganze  Jugend  nun  von  allem  äußeren  Zwange  befreit
werde.  Im  Gegenteill  solange  es  an  der  inneren  Verankerung  fehlt,
wird  man  der  äußeren  Befestigung  und  Nötigung  nicht  entbehren