Die  Jugendbewegung.  171

können.  Aber,  so  meinen  wir:  in  demselben  Maße,  wo  eine  innere
Bindung  sich  bildet  und  festigt,  soll  und  muß  die  äußere  gelockert
werden,  damit  jene  sich  frei  entfalten  kann.

Das  ist  nun  freilich  unser  Glaubenssatz  oder  besser  ein  Erfahrungssatz
  gerade  unseres  Gemeinschaftslebens,  daß,  wo  man  der
einmal  geweckten  Seele  nur  Licht  und  Luft  zum  Wachsen  gibt,
sie  sich  nach  ihr  innewohnenden  Gesetzen  zu  immer  größerer  Klarheit,
Kraft  und  Gültigkeit  entwickelt.  Damit  stehen  wir  dem  Dogma  der
äußeren  Gewalt,  des  Zwanges,  gerade  gegenüber.  Für  uns  lautet
die  Frage  der  Jugendpflege  nicht  —  wie  sie  von  den  Vertretern  der
militärischen  Zwangsjugendpflege  formuliert  ist  —:  wie  hindern
wir  die  Jugend,  Böses  zu  tun  —  oder  wie  sie  wohl  dort  meist  gefaßt
wird:  „Unzweckmäßiges“  —,  wie  zwingen  wir  die  Jugend,  das  dem
Staate  gehörende  Gut  ihrer  körperlichen  Kraft  und  Gesundbeit  zu
erhalten?,  sondern:  wie  pflanzen  wir  die  rechte  Gesinnung,  den
rechten  Opfersinn,  das  rechte  Verantwortlichkeitsgefühl,  die  unbedingte
  Treue  gegenüber  dem  für  gut  Erkannten  in  die  Jugend
hinein?  Und  weiter  lautet  unsere  Frage:

Wo  und  wie  bilden  wir  die  Menschen  aus,  die  folche  Gesinnung
pflanzen  und  pflegen  können?  Wo  und  wie  können  wir  ihnen  eine
Stätte  schaffen,  auf  der  die  Finsternis  der  Welt  da  draußen  keine
Gewalt  hat,  wo  die  Macht  sittlicher  Kräfte  erlebt  werden  kann,  wo  die
durch  Abstammung  und  häusliche  Erziehung  in  Zukunft  zur  Führung
berufene  Jugend  auch  zur  Führung  heranreifen  kann?  Ich  sage
lieber  zur  straffen  Selbstzucht,  um  einmal  ihrem  Volke  recht  zu

dienen.
Leitsätze.

1.  Es  gibt  verschiedene  Jugendbewegungen:
a)  die  Jugendkulturbewegung  (Or.  Wyneken).
b)  die  Anfangbewegung  (Bernfeld  und  Barbizoy),
I0)  die  sozialethische  Jugendbewegung  (Ernst  Josl),
d)  die  ursprüngliche  Jugendbewegung  (Bewegung  der  neuen  Jugendgemeinschaften).


2.  Die  Geschichte  dieser  ursprünglichen  Jugendbewegung:  Sie  hatte  zwei
Wurzeln,  den  Wanderverein  und  den  Wandervogel,  beide  unbhönzig.  von
einander  entstanden  und  ausgebaut.  Erstes  Zusammentreffen  von  Mitgliedern
beider  auf  der  Universität  in  den  Freischaren  (Akademische  Korporationen).
Von  hier  aus  alle  Versuche  der  Zusammenfassung  zu  einer  Ertet  höherer
Ordnung.  Wichtigster  Versuch:  der  freideutsche  Jugendtag  auf  dem  Ho
Meißner.  Hier  alle  wichtigeren  Jugendbünde  außer  den  beiden  größten
Wandervogelbünden  zum  Verbande  Freideutsche  Jugend  zusfeommeygeschlasten.
Aber  auch  nicht  jugendliche  Zweckverbände  mit  angeschlossen.  Von  zäffa
erfolgt  die  Trennung  in  Marburg  1914.  Seither  reine  Jugendgemeinschaftsbewegung.



3.  Die  freideutsche  Jugend  erstrebt  in  Zukunft  eine  Zusammenfassung
aller  aus  der  Jugend  selbst  herausgewachsenen  wesensverwandten  Gemeinschaften
owie  jener  von  Alteren  für  die  Jugend  geschaffenen  Gemeinschaften,  die  der
reien  Entfaltung  der  Jugend  dienen.  Der  Verband  Freideutsche  Jugend  würde
ch  alsdann  (grob  schematisch)  in  folgende  drei  Altersstufen  gliedern:

a)  Schuljugend  (Wandervogelbünde,  Bund  abstinenter  Schüler,  Jungwanderer,
  freie  Schulen  usw.),