Die  Jugendbewegung.  177

Freideutschen.  Als  1823  der  Kupferschmiedegeselle  Isenberg  in
Barmen  den  ersten  Jünglingsverein  gründete,  war  gar  kein  Pfarrer
dabei  und  ebensowenig,  als  derselbe  1825  in  Basel  und  1827  in
Berlin  die  ersten  Vereine  ins  Leben  rief.  Diese  Vereine  sind  herausgewachsen
  aus  der  damaligen  religiösen  Bewegung,  ohne  Zutun  der
Pfarrer.  Auch  als  1834  P.  Mallet  in  Bremen  den  Missionsjünglingsverein
  zur  noch  heute  üblichen  vielseitigen  Form  der  Jünglingsvereine
  erweitert  hatte,  waren  es  Handwerksgesellen,  die  diese
Form  des  Bremer  Vereins  weitertrugen  durch  das  deutsche  Vaterland.
  So  ist  es  bis  in  die  jüngste  Zeit  gegangen.  Besonders  unsere
christlichen  Vereine  junger  Männer  nehmen  für  sich  in  Anspruch,  daß
sie  keine  Jugendpflege,  sondern  Jugendbewegung  sind,  daß  die  jungen
Männer  den  christlichen  Gedanken,  den  sie  vertreten,  weiter  hinaustragen.
  Die  Berührung  mit  der  freideutschen  Jugend  geht  deutlich
aus  unserer  alten  Grundlage  von  1855  hervor,  in  der  es  heißt:  Es
soll  das  Reich  Gottes  ausgebreitet  werden  durch  Jünglinge
unter  den  Jünglingen.  Außerdem  berührt  sehr  verwandt
der  Gedanke  der  Verantwortlichkeit,  der  ebenfalls  in  dieser  alten
Grundlage  unserer  Jünglingsvereine  zum  Ausdrucke  kommt.  Gerade
in  unseren  neueren  evangelischen  Jünglingsvereinen  findet  sich  eine
starke,  selbstbewußte  Richtung  unter  den  älteren  Mitgliedern,  die  sich
nicht  als  gepflegt  betrachtet,  sondern  selbst  Träger  der  Sache  sein  will.

Das  bringt  mich  dazu,  etwas  auszusprechen,  was  überhaupt  für
uns  alle,  die  wir  Jugendpflege  treiben,  gelten  wird,  wenn  wir  vorwärts
  kommen  wollen.  Was  wir  auch  treiben,  meine  verehrten
Damen  und  Herren,  wir  werden  dahin  kommen  müssen,  daß  unsere
jungen  Leute  für  die  Sache  eintreten  und  sie  verbreiten  als  ihre
Sache.  Das  Werben  von  Person  zu  Person  ist  die  beste  Werbung.
Dann  sind  nicht  wir,  sondern  unsere  jungen  Leute  sind  die  Träger
der  Sache,  und  dahin  muß  es  kommen.  Darum  gibt  es  keine  rechte
Jugendpflge  ohne  Jugendbewegung.  Jugendpflege  muß  Bewegung
werden.

Fräulein  Guida  Diehl,  Berlin-Dahlem  (Evangelischer  Verband
zur  Pflege  der  weiblichen  Jugend):  Sehr  verehrte  Anwesende!  Die
roße  Wichtigkeit  dieser  neuen  Jugendbewegung  für  uns,  die  wir  in  der
Jugendpflege  stehen,  beruht  in  dem,  was  der  Herr  Vorredner  schon
ausgesprochen  hat.  Wir  müssen  in  Zukunft  Jugendbeweger  statt
Jugendpfleger  werden,  und  wir,  die  wir  in  dieser  Pflege  stehen,
müssen  nur  Führer  dieser  sich  selbst  emporarbeitenden,  emporringenden
  Jugend  werden.  Wir  müssen  alles  Bevormundende,  Bemutternde
immer  mehr  überwinden,  wir  müssen  diese  jungen  Menschen  in  ihrem
ganzen  Streben,  in  ihrem  Ringen  ganz  anders  ernst  nehmen  und
als  selbstverantwortlich  und  selbständig  auffassen.  Es  ist  zu  bedauern,
daß  die  Aussprache  hierüber  nur  so  kurz  sein  kann,  weil  das  Studium
dieser  Bewegung  tatsächlich  für  die  Gesamtheit  unserer  Jugendpflege
große  Bedeutung  hat.  Sie  zu  beobachten,  ist  für  uns,  die  wir  ja
helfen  wollen,  daß  die  Jugend  zu  eigenster,  innerster  Bewegung
kommt,  von  großer  Wichtigkeit.  Es  ist  aber  schwer,  die  Entwicklung

Schriften  der  Zentralstelle  für  Bolkswohlfahrt.  N.  F.  Nr.  13.  12