178  Aussprache.

der  freideutschen  Jugend  weiter  zu  beobachten.  Man  sah  bis  jetzt
eigentlich  nur  die  Anfänge.  Ich  bin  dankbar  für  die  Auseinandersetzungen
  dieses  Vortrages.  Wie  die  Sache  weitergehen  wird,  ist
überhaupt  noch  nicht  zu  übersehen.  Es  wird  ganz  außerordentlich
davon  abhängen,  welche  Führereigenschaften  sich  in  den  Alteren  von
ihnen  entwickeln.  Deshalb  möchte  ich  sagen,  es  ist  falsch,  von  einer
sich  „selbst  bewegenden“  Jugend  zu  sprechen.  Die  Wandervogelbewegung
  ist  doch  auch  nicht  von  diesen  ganz  jungen  Menschen,  von
den  Schülern  ausgegangen,  sondern  aus  den  Samenkörnern,  die
durch  tatkräftige  Erzieher  und  Vorbilder  in  sie  gelegt  wurden.  Diese
sind  in  ihr  selbständig  aufgegangen  und  gewachsen.  Es  ist  sehr
wichtig,  daß  wir  begreifen,  wie  wir  uns  der  Jugend  gegenüber  zu
stellen  haben,  daß  wir  nur  als  Führer  das  Große  hineinlegen  sollen,
was  unserer  Seele  groß  geworden  ist,  daß  wir  verstehen  müssen,  aus
ihrer  Seele  herauszuholen,  was  in  ihrer  eigenen  Seele  in  der  Tiefe
liegt,  und  daß  wir  deshalb  helfen  sollen  zu  einer  Jugendbewegung,
statt  daß  wir  pflegend  und  bemutternd  und  fortwährend  gängelnd
über  ihr  stehen.  Unsere  Arbeit  muß  eigentlich  die  des  starken
Appells,  des  Rufes  an  diese  jungen  Seelen  sein  zu  ihrem  eigensten
zu  erwachen.  —  In  dieser  Art  ist  nun  auch  eine  neue  Bewegung  unter
der  gebildeten  weiblichen  Jugend  zustandegekommen,  eine  Abart
der  Jugendgruppen,  die  sogenannte  Neulandbewegung,  noch  gan
jung,  aber  hoffnungsvoll.  Es  sind  dies  die  Studienkreise,  die  si

unter  der  gebildeten  Jugend  zusammengeschlossen  haben.  Auch  dort
hat  sich  scheinbar  alles  aus  sich  selbst  gebildet.  Man  ist  an  mich
herangetreten  mit  der  Bitte  um  Führung,  und  es  ist  das  wichtigste
für  diese  Jugend  gewesen,  daß  ihr  geholfen  wird  durch  ihre  tiefinneren
  Probleme.  Vielleicht  wissen  wir  noch  nicht  alle,  wie  stark
das  Gären,  Ringen,  Brausen  auch  in  der  weiblichen  Seele  in  unserer
Zeit  ist  umd  in  welcher  ganz  anderen  Lage  die  gebildete  Jugend,  die
in  alle  möglichen  Berufe  hineingedrängt  wird,  heutzutage  ist,  wo  sie  sich
so  stark  innerlich  durcharbeiten  und  durchkämpfen  muß.  Es  wird  in
diesen  Studienkreisen,  deren  Gründung  im  Rahmen  des  Evangelischen
Verbandes  zur  Pflege  der  weiblichen  Jugend  geschah,  das  Hauptgewicht
  darauf  gelegt,  daß  der  Jugend  in  diesem  ihrem  Kampfe
Führer  erstehen.  Es  ist  wichtig,  daß  die  Jugend  bei  dieser  inneren
Arbeit  nicht  bloß  auf  sich  selbst  angewiesen  ist,  sondern  daß  sie
Freunde  finde,  die  ihr  helfen.  Sehr  merkwürdig  ist  es,  wenn  oft
ältere  Wandervogelmitglieder  zu  mir  gekommen  sind  und  gesagt
haben:  wir  wissen  nicht  weiter  in  unserem  inneren  Ringen,  es  fehlt
in  unserer  Bewegung  die  Führerschaft  gefestigter,  wirklich  geisterfüllter
  Persönlichkeiten.  Damit  werden  wir  aber,  meine  verehrten
Anwesenden,  sehr  stark  auf  uns  selbst  zurückgeführt.  Welche  unendlich
verantwortungsvolle  Sache  ist  es,  daß  wir  dieser  Jugend  wirklich
Führer  werden  können.  Sie  mit  ihrem  Wirklichkeitssinne,  mit  ihrem
Wahrheitsblick,  mit  ihrer  Ablehnung  alles  dessen,  was  nur  halbwegs
Scheu  ist,  will  vor  Persönlichkeiten  stehen,  die,  wenn  auch  freilich  noch
mit  Fehlern  behaftet,  doch  in  allerinnerster  Wahrhaftigkeit  vor  ihr
stehen,  ihr  aber  auch  hinhelfen  können  zu  den  Kräften,  aus  denen  sie