Die  Jugendbewegung.  179

selbst  geworden  sind,  zu  dem  lebendigen  Gott.  Möchte  der  große
Anstoß  dieser  gewaltigen  Zeit,  die  diesen  Drang  des  Menschen  neu
in  uns  geweckt  hat,  zu  dem  Gotte,  der  unseres  Lebens  Kraft  werden
kann,  viel  tiefer  hineindringen  in  alle  Führer  der  Jugend.  Sie
braucht  es.  Nie  war  eine  Zeit  so  geeignet  wie  die  heutige,  junge
Menschen  zu  wecken  zum  wirklichen  Menschwerden  in  Gott,  zum
Erhalten  seiner  neu  schaffenden  Kräfte.  Eine  Bewegung,  in  der
solches  Sehnen  und  solche  Kräfte  in  der  Jugend  wach  werden,  ist  eine
verheißungsvolle.

Ich  darf  zum  Schlusse  darauf  hinweisen,  daß  die  Zeitschrift
„Neuland“,  die  von  mir  geleitet  wird,  draußen  auf  dem  Tische  zum
Mitnehmen  liegt  und  daß  der  Kreis,  der  sich  um  das  Neuland
schließt,  nicht  nur  ein  Leserkreis  ist,  sondern  ein  Mitarbeiterkreis,
nicht  nur  die  einzelnen  Leserinnen,  sondern  auch  die  65  Studienkreise,
die  sich  schon  in  Deutschland  zusammengeschlossen  haben.  Wir  wollen
in  dieser  Bewegung  auch  das  Große,  das  heute  geschildert  worden  ist,
wir  wollen  aber  auch  bewußt  und  stark  die  Kräfte  erfassen,  die  uns
zu  diesem  Großen  allein  hinleiten  können.

Lemke,  Charlottenburg  (Freideutsche  Jugend):  Ich  möchte  mir
erlauben,  dem  Bilde,  das  Herr  Dr.  Ahlborn  gegeben  hat,  einen  mir
wenigstens  wichtig  erscheinenden  Zug  hinzuzufügen.  Natürlich  sind  alle
Deutungsversuche  einer  solchen  Bewegung  ganz  individuell,  und  der
Menschengeist  ist  nur  zu  leicht  geneigt,  in  eine  solche  Bewegung  etwas
hineinzutragen,  was  er  sich  von  ihr  wünscht,  was  er  von  ihr  haben
möchte.  Es  gibt  aber  auch  noch  eine  andere  Art,  solchen  Bewegungen
gerecht  zu  werden,  und  das  sollte  eigentlich  auf  unserer  Kulturstufe,
die  wir  in  dem  Zeitalter  einer  anschmiegsamen  Naturwissenschaft
leben,  heute  doch  schon  möglich  sein.  Man  sollte  versuchen,  das
Werden  dieser  jungen  Generation  absichtslos  aufzufassen.  Die
Jugend,  wenn  sie  sich  ihrer  bewußt  geworden  war  oder  wenn  sie
ihren  Instinkt  genügend  gefestigt  hatte,  wie  im  Wandervogel,  hat  sich
stets  gegen  das  Hineintragen  unjugendlicher  Absichten  gesträubt.
Damit  soll  natürlich  nicht  gesagt  werden,  daß  sie  nicht  bald  hier,
bald  da  für  einen  oder  den  anderen  Propheten  sich  entschieden  hätte.
Die  Ingend  ist  aufnahmebedürftig,  sie  reißt  sich  von  dem  Einen
bloß  los,  um  dem  Anderen  in  die  Arme  zu  fallen;  man  könnte  sogar
die  Unselbständigkeit  der  Jugend  (zum  Beispiel  einem  Wyhneken
gegenüber)  erschreckend  groß  finden,  wenn  nicht  eben  in  dem
Momente  der  selbsteigenen  Wahl  solcher  Führer  das  Entscheidende
  der  Selbständigkeit,  der  Selbstbestimmung  läge.  Nicht,
was  angenommen  wird,  ist  bezeichnend  —  das  wäre  oft  recht  bedauerlich
  —,  sondern  die  geistige  Beweglichkeit,  hier  und  dort  Wesensergänzungen
  zu  suchen,  dies  Gefühl,  sich  freimachen  zu  müssen  von
der  Konvention,  von  der  Tradition,  ist  ein  Merkmal  der  echten
Jugendlichkeit.  Dabei  sollte  man  wirklich  die  Jugend  nicht  beurteilen
  nach  dem  materiellen  Inhalt  ihrer  Beschäftigung,  sondern  nach
der  Form.

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