180  Aussprache.

Hier  findet  sich  nun  wirklich  überraschend  Neues  und  Beachtenswertes.
  Wir  haben  eine  Zeit  lang  viel  Wesens  gemacht  von  amerikanischen
  Jugendgerichtshöfen  und  sahen  natürlich  nicht,  daß  in
unserer  Nähe  auf  viel  breiterer  und  selbständigerer  Grundlage  eine
Form  sozialer  Bewegung  heranwächst,  die  außerordentlich  viel  verspricht.
  Die  Erkenntnis  davon  ist  auch  gar  nicht  einmal  in  das  Bewußtsein
  der  Wandervogelmenschen  selbst  gedrungen,  die  —  im  besten
völlig  naiv  —  den  Forderungen  der  Sache  nachgehend,  hier  eins  der
schwierigsten  Probleme  der  modernen  Gemeinschaftsbewegung  so
nebenbei  erledigten.  Ich  meine,  das  Verhältnis  des  Führers  zu  den
Geführten.  Betrachten  Sie  diese  Organisation,  kunstvoll  aufgebaut
—  und  ich  rechne  auch  die  weibliche  Jugend,  die  sich  bei  uns  befindet,
zu  diesen  —,  so  daß  sich  ein  Mensch  älteren  Stiles  darin  überhaupt
nicht  zurechtfindet!  Sie  ist  die  ewige  Sorgfalt,  die  ewige  Unterhaltung
  in  den  Beratungen.  Wo  sich  irgendwo  Leben  zusammenfindet,
  zeigt  sich  auch  der  Versuch  der  gegliederten  Bändigung  zu  einer
Organisation.  Für  jemand,  der  sich  das  Beobachten  noch  nicht  abgewöhnt
  hat,  ist  es  ein  Grund  zum  Erstaunen,  daß  diese  Jugend  sich
bereits  in  der  Beherrschung  verwickelter  technischer  Deduktionen  so
geübt  zeigt,  sogar  oft  zu  sehr,  so  daß  man  mit  Bedauern  oftmals  den
Gegenstand  der  Untersuchung  unter  den  Tisch  fallen  sieht.  Aber
man  erkennt  doch  das  ernsthafte  Bestreben,  aus  der  Vereinzelung  der
Ansichten  herauszukommen.  Mit  dieser  Erziehung  zum  Denken
in  der  Gemeinschaft  schneidet  aber  die  Jugendbewegung  eins
der  modernsten  politischen  Probleme  an.  Ohne  sich  politisch
auf  irgendeine  Parteirichtung  festzulegen,  erzieht
sich  die  Jugend  hier  in  diesen  Organisationen  zum  modernen  Staatsbürger,
  so  der  Hoffnung  Raum  schaffend,  es  möchte  das  unpolitischste
Volk  Europas  endlich  auf  einer  neuen  Grundlage  auch  einmal  für  die
Politik  reif  werden.

Gerhard  Fils,  Berlin  (Freideutsche  Siedlungsgemeinde):  Ich
möchte  anknüpfen  an  den  vierten  Satz  unseres  Referenten,  der  das
Verhältnis  darzulegen  versucht  zwischen  der  Jugendbewegung,  über
die  uns  der  Vortrag  unterrichtet  hat,  und  der  Jugendpflege,  wie  sie  hier
von  der  Mehrzahl  der  Anwesenden  vertreten  wird.  Der  Vortrag  meines
Freundes  Dr.  Ahlborn  wäre  verfehlt  gewesen,  wenn  er  nur  dazu
gedient  hätte,  in  diesem  Kreise  Verständnis  für  unsere  Bewegung
hervorzurufen,  Sie  zu  unterrichten  und  Sie  zu  veranlassen,  unsere
Bewegung  weiter  zu  studieren.  Wir  wollen  nicht  allein  vor  Ihnen
stehen  als  Studienobjekt,  sondern  wir  wollen  von  Ihnen  in  Zukunft
auch  erfaßt  werden  als  Anteilnehmer,  als  Werkleute,  als  Mitarbeiter
an  Ihrem  Jugendwerk.  Unsere  Jugendbewegung  ist,  wie  Dr.
Ahlborn  schon  dargestellt  hat,  gegenwärtig  in  einem  Stadium  —
das  betrifft  den  älteren  Teil  dieser  Jugend  —,  in  dem  sie,  durch  den
Krieg  vorwärtsgestoßen,  begehrt,  Anteil  zu  nehmen  an  dem  öffentlichen
  Lebens  ihres  Volkes.  Zwei  meiner  Vorredner  haben  bereits
gesagt,  wie  notwendig  es  ist,  gerade=  für  die  öffentliche,  für  die  staatliche
  Jugendpflege,  daß  sie  nicht,  wie  bisher,  nur  eine  Jugendpflege