Die  Jugendbewegung.  181

ist,  sondern  mehr  und  mehr  wird  zu  einer  Jugendbewegung.  In
diesen  Ausführungen  sehe  ich  die  Berührung  mit  dem,  was  ich  Ihnen
gern  noch  sagen  möchte:  wir  kommen  zu  Ihnen,  um  mitzuarbeiten.
  Wir  haben  die  Schule  des  Wandervogels,  die  Schule
der  freideutschen  Jugend  durchgemacht.  Wir  wissen,  was  Jugendbewegung
  ist,  wir  werden  selbst  bewegt,  sind  zum  Teile  bewegend  gewesen.
  Wir  wissen  wohl,  daß  unsere  Jugendbewegung  nur  eine
Sonderbewegung  einer  bestimmten  Jugendschicht  ist,  und  wissen
auch,  daß  das,  was  für  diese  Schicht  gilt,  nicht  für  alle  Schichten  der
Jugend  gelten  darf,  daß  andere  Schichten  andere  Lebensbedingungen,
andere  Pflegebedingungen,  andere  Bewegungsgesetze  haben  als  wir.
Wir  wollen  aber,  nachdem  wir  dieses  Eigenleben  in  unserer  Bewegung
  erkannt  und  durchgeführt  haben,  daß  auch  die  andere  Jugend
in  dem  Maße,  wie  es  ihrem  Wesen  entspricht,  von  einem  solchen
Eigenleben  ergriffen  wird,  und  hierzu  möchten  wir  mitwirken.  Das
heißt  praktisch  genommen:  wenn  jetzt  nach  dem  Kriege  die  von  uns,
die  sich  in  der  Jugendpflege  betätigen  wollen,  zu  Ihnen  kommen
und  sagen:  laßt  uns  mitarbeiten!  dann  verlangen  Sie  nicht  von  uns,
daß  wir  uns  nur  einfügen  in  das  bisherige  System  und  in  seinen
Bau,  sondern  lassen  Sie  die  neuen  Gedanken,  die  von  uns  hineingetragen
  werden,  sich  frei  betätigen!  Dann  werden  Sie  am  ehesten  das
erreichen,  was  vorhin  ein  Vorredner  in  das  Wort  gefaßt  hat:  „Laßt
unsere  Jugendpflege  werden  eine  Jugendbewegung!“  Ich  bin  selber
durch  die  Schule  des  Krieges  hindurchgegangen.  Mit  tiefem  Bedauern
  habe  ich  in  aller  meiner  Arbeit  bei  den  Kameraden  aus  den
anderen  JIugendschichten  festgestellt,  wie  wenig  Positives  die  bisherige
  Jugendpflege  geleistet  hat.  Immer  wieder  draußen  im
Schützengraben  wie  drinnen  im  Lazarett  —  dafür  kann  ich  viele
Briefe  vorbringen,  viele  Zeugnisse  von  Feldzugsteilnehmern  —  ist
uns  die  befremdende  Erscheinung  entgegengetreten,  wie  wenig  tief
doch  diese  ganze  Jugendpflege  gegangen  ist,  wie  gesinnungslos,  wie
oberflächlich,  wie  kulturfremd,  wie  ideen  los  der  größte  Teil  der
deutschen  Jugend  noch  immer  ist.  Wir  haben  uns  überzeugt,  daß  die
meisten  unserer  Kameraden  keine  anderen  Interessen  hatten  als  das
liebe  Essen  und  Trinken,  daß  sie  nur  dem  Augenblicke  lebten.  Die
Versuche,  die  wir  im  Lazarett  unternommen  haben,  im  Rahmen
einer  geistigen  Verwundetenfürsorge  unsere  jugendlichen  Kameraden
mitzureißen  zu  unserem  Leben,  sind  fast  alle  fehlgeschlagen.  Es
ist  sogar  vorgekommen,  daß  Kameraden,  die  vor  dem  Kriege  sich
bereits  in  der  Arbeit  an  der  Jugend  betätigt  hatten,  durch  die  Erlebnisse
  des  Krieges,  durch  solche  Beobachtungen  zu  innerem  Schiffbruche
  gekommen  sind,  daß  sie  nicht  mehr  mitmachen  wollen,  weil  sie
glauben,  es  sei  alles  verloren.  Es  handelt  sich  darum,  daß  diese
Jugend,  die  bisher  im  Rahmen  des  bestehenden  Jugendpflegesystems
  nicht  so  ergriffen  worden  ist,  wie  wir  von  der  freien  deutschen
Jugend  es  wünschen,  nun  mit  Hilfe  eines  neuen  Systems,  das  sich
auf  der  Bahn  der  Jugendbewegung  bewegt,  zu  einem  wirklichen
Iugendleben  und  zu  einer  tätigen  Anteilnahme  an  unserem  gesamten
kulturellen  Leben  gelangt.