182  Aussprache.

Ich  bin  erstaunt,  daß  im  Laufe  der  Konferenz  so  wenig  Rücksicht
auf  die  Ländliche  Jugend  genommen  worden  ist.  Als  Vertreter
einer  Siedlungsgemeinschaft  der  Jugend,  die  nach  dem  Kriege
gewillt  ist,  hinauszuziehen  aufs  Land,  um  gerade  in  der  Landjugend
  durch  die  Berührung  von  Jugend  zu  Jugend  ein  solches
Jugendpflegewerk  in  unserem  Sinne  aufzubauen,  bin  ich  erstaunt
darüber,  daß  hier  in  der  Konferenz  so  wenig  von  der  ländlichen
Jugend  gesprochen  worden  ist,  die  es  doch  so  sehr  nötig  hat,  noch
viel  mehr  als  die  städtische  Jugend,  von  der  Jugendpflege  betroffen
zu  werden.  Denn  wir  wissen  doch  alle,  worauf  es  ankommt.  Wir
müssen  aus  wirtschaftlichen,  aus  staatlichen,  aus  völkischen  Gründen
vor  allem  unsere  Landjugend  erhalten.  Was  nützt  die  schönste
mustergültigste  Jugendpflegearbeit  in  den  Städten,  wenn  man
draußen  auf  das  Land  hinauskommt  und  ansehen  muß,  wie  die
Jugend  sich  zum  Teile  in  lächerlichen  primitiven  Formen  bewegt,  wie
trotz  so  vielen  guten  Willens  der  Pflegenden  der  Widerhall  so
gering  ist!  Ich  hatte  früher  Gelegenheit,  im  Dienste  der  Heimatschutzbewegung
  auf  das  Land  hinauszugehen  und  dort  mit  der  Landjugend
  zusammenzukommen.  Ich  habe  mich  immer  wieder  gefragt:
was  ist  hier  erreicht,  wie  wird  diese  Jugend  erfaßt?  —  Sie  wird
nicht  erfaßt.  ç

Es  wäre  erfreulich,  wenn  die  Teilnehmer  an  dieser  Konferenz  mit
dem  Gedanken  hinausgingen,  daß  hier  in  den  Bestrebungen  der
freideutschen  Jugend  deutlich  erkennbar  wird,  daß  sie  nicht  nur  ihr
eigenes  Leben  nach  ihren  Lebensbedingungen  zu  führen  willens  ist,
sondern  daß  sie  auch  den  Drang  hat,  dieses  Leben  in  irgend  einer
Weise  mit  der  anderen  Jugend  zu  teilen,  die  nicht  zu  ihr  gehört.
Dieses  Streben,  auch  die  andere  Jugend  zu  ergreifen,  mitzuarbeiten
in  ihrer  Weise,  nach  ihren  Kräften  an  der  öffentlichen  Jugendpflege,
läßt  dsich  am  besten  in  den  Worten  zusammenfassen:  Hier  will  Jugend
zu  Jugend,  weil  Jugend  die  Überzeugung  hat,  daß  der  Jugend  nur
geholfen  werden  kann  durch  die  Jugend.  Wenn  Erziehung,  wenn
Jugendpflege  darauf  gerichtet  ist,  die  jugendliche  Persönlichkeit  zu
befreien,  dann  wollen  wir,  daß  unsere  gesamte  deutsche  Jugend  das
Befreiungswerk  an  sich  vollziehe  durch  aktive  persönliche  selbständige-Anteilnahme.


Professor  Brinkmann,  Serlin-Steglit  (Stellvertretender
Bundesleiter  des  Wandervogels  E.  V.):  Verehrte  Anwesende!  Da
ich  in  dem  größten  Wandervogelbunde  mit  an  verantwortlicher  Stelle
stehe  und  selber  auch  die  Anfänge  des  Wandervogels  kenne,  fühle  ich
mich  verpflichtet,  zu  dem  Tatsächlichen,  das  hier  vorgetragen  worden  ist,
einige  Bemerkungen  zu  machen.

Es  handelt  sich  da  zunächst  um  den  Ursprung  des  Wandervogels.
Ich  weiß,  daß  im  allgemeinen  in  der  Literatur,  die  darüber  entstanden
  ist,  die  Auffassung  herrscht,  daß  der  Wandervogel  aus  dem
Gegensatze  gegen  das  Bestehende,  d.  h.  vor  allem  gegen  Schule  und
Elternhaus,  entstanden  ist.  In  Kürze  kann  ich  hier  nur  sagen:  das
ist  sehr  schematisch,  denn  unmöglich  kann  eine  große  Bewegung  nur