Full text : Geschichte des deutsch-französischen Krieges 1870 und 1871.

194  Ansmarsch  der  Gefangenen.

geführt,  wo  sie  Speise  erhalten  und  die  Nacht  bei  Bivouakfeuern  ver—
bringen  sollten,  um  alsdann  unter  Eskorte  von  Regimentern  des
7.  (westfälischen)  Armeekorps  den  Weitermarsch  zu  Fuß  nach  Saar—
brücken,  von  wo  der  Transport  mit  der  Bahn  erfolgen  soll,  anzu—
treten.  Die  Offiziere,  mit  dem  Degen  bewaffnet,  führten  ihre  Soldaten
  bis  an  den  General  von  Fransecki  und  übergaben  sie  dort.
Die  Stabsoffiziere  erhielten  die  Erlaubniß,  für  die  Nacht  nach  Metz
zurückzukehren,  während  die  Subalternoffiziere  die  Nacht  bei  ihren
Truppen  bivouakiren  mußten.

In  Reihen  von  8—10  Mann  zogen  nun  die  Kürassire,  Karabiniers,
  Lanciers,  Chasseurs  à  cheval  und  Husaren  der  Garde,  alle
zu  Fuß  und  ohne  Waffen,  dann  die  reitende  Artillerie,  das  1.  Grena—
dierregiment,  zwei  Voltigeursregimenter  und  das  Chasseurbataillon  an
uns  vorüber.  Es  waren  fast  durchweg  lauter  schöne,  überaus  kräftige,
recht  marzialisch  aussehende  Männer,  unbedingt  die  Elite  der  ganzen
französischen  Armee  und  noch  vor  wenigen  Monaten  die  stolzeste  und
kriegsfreudigste  Truppe,  die  ganz  Europa  nur  besaß.  Alle  Gardisten
waren  sehr  gut,  ja  fast  elegant  uniformirt  und  führten  Mäntel  und
viel  sonstiges  Gepäck  bei  sich.  Ersichtlich  hatte  man  der  Mannschaft
zuletzt  noch  die  Magazine  geöffnet,  damit  sie  sich  dort  für  die  lange
Gefangenschaft  mit  Sachen  versorgen  solle.  Die  Haltung  der  Leute
war  ernst  und  ruhig,  Kummer,  Schmerz,  aber  auch  tödtlicher  Haß
gegen  uns,  die  siegenden  Preußen,  war  auf  den  Gesichtern  fast  aller
Offiziere  und  Unteroffiziere,  ja  auch  der  meisten  Soldaten  gar  deutlich
ausgeprägt.  Da  ich  mich  absichtlich  mitten  auf  der  Chaussee  so  recht
zwischen  den  Franzosen  aufgestellt  hatte,  auch  sehr  viel  mit  ihnen
sprach,  so  konnte  ich  dies  sehr  deutlich  bemerken.  Unsre  braven
Pommern  bewahrten  eine  sehr  anständige  Haltung  den  besiegten  Fein—
den  gegenüber,  auch  kein  kränkender  Jubelruf,  kein  Wort  der  Freude
oder  was  sonst  die  Franzosen  hätte  verletzen  können,  wurde  hörbar,
es  war  eine  fast  lautlose  Stille,  in  der  alle  verharrten,  und  die  un—
endliche  Bedeutung  dieser  Stunden  übte  auf  die  Offiziere  wie  Soldaten
  unsres  Heeres  eine  ersichtliche  Wirkung.  Sie  ehrten  sich  selbst,
indem  sie  den  nach  langer,  tapfrer  Vertheidigung  von  uns  besiegten
Feind  ehrten.