Full text : Regierungsblatt für das Königreich Württemberg vom Jahr 1894. (71)

Cornelius  Gurlitt,  Die  Zukunft  der  Volkstrachten.  557

keiten  haben,  denn  der  Haushalt  stellt  beispielsweise  an  die  ungarische  Bäuerin
unendlich  viel  höhere  künstlerische  Anforderungen,  als  an  unsere  Frauen.  Das
schwierigere  Ziel  wird  schwerer  erreicht,  der  Fortschritt  über  das  Erreichte
hinaus  ist  nur  wenigen  möglich,  er  vollzieht  sich  langsam.  Es  kann  eine
solche  Volkskunst  durch  Jahrhunderte  der  Quell  seelischer  Befriedigung  für
Schaffende  und  Gebrauchende  —  zumeist  dieselben  Personen  —  sein.  Es  besteht
  ein  Unterschied  darin,  ob  man  die  Leinwand,  den  Faden,  die  Farbe  zum
Färben  und  das  Muster  erst  selbst  schaffen  muß,  oder  ob  man  bloß  zum
Händler  zu  gehen  braucht  und  eine  angefangene  vorgestickte  Arbeit  zum  Fertigmachen
  kauft.  Bietet  dort  die  schwierige  Arbeit  dauernde  Freude,  so  muß
hier  das  Mechanische  des  Schaffens  bald  dazu  führen,  daß  die  Arbeit  langweilig
  wird  und  daß  der  Regsame  sie  zu  ändern,  umzugestalten  beginnt.  Nicht
weil  er  oberflächlicher  ist,  nicht  aus  tadelswerten  Gründen,  auch  nicht  weil
er  geistreicher  und  künstlerisch  begabter  ist,  sondern  weil  er  unter  ganz  anderen
Bedingungen  schafft.

Eine  Volkskunst  kann  nur  in  der  Begrenztheit  sich  entwickeln.  Wie  sie
aufhört,  auf  Hausarbeit  sich  zu  stützen,  ist  ihr  der  feste  Halt  genommen.
Wie  zahlreich  sind  in  neuerer  Zeit  die  Bestrebungen  gewesen,  die  auf
„Hebung  der  Volkskunst“  hinausgingen.  Ich  glaube  nicht,  daß  irgend  eine
dieser  an  sich  löblichen  Unternehmungen  ihren  eigentlichen  Zweck  erreichten.
Sehen  wir  in  Sachsen  die  Kunst  des  Spitzenklöppelns.  Käme  es  auf  die
Zahl  der  sich  an  dieser  beteiligenden  fleißigen  Hände  an,  so  hätten  wir  hierin
eine  rechte  Volkskunst  großen  Stiles.  Nicht  in  Fabriken,  sondern  im  Bauernhaus
  entsteht  die  Spitze.  Und  trotzdem  hat  sie  in  ihren  Erzeugnissen  alle
Merkmale  dessen,  was  sie  als  Handelskunst  kennzeichnet:  Der  Rohstoff  wird
eingeführt,  die  Anfertiger  verbrauchen  die  Erzeugnisse  nicht  selbst,  sondern  verkaufen
  sie  durch  den  Fernhandel.  Es  ist  lediglich  ein  dezentralisierter  Fabrikbetrieb,
  durch  den  die  Spitze  entsteht.  Wo  auch  kapitalkräftige  Männer  sich
einer  notleidenden  wirklichen  Volkskunst  annehmen,  so  geschieht  dies  nicht  in
der  Absicht,  das  Kleid,  die  Stube  des  Bauern  in  besserer  Weise  auszustatten,
sondern  seine  künstlerische  Kraft  für  den  Handelsmarkt  zu  verwerten.  Damit
zwingt  man  die  Volkskunst  unter  die  Gesetze  von  Angebot  und  Nochfrage,
schafft  man  einen  Stamm  besonders  geschickter  Arbeiter  —  und  diese  werden
besonders  geschickt  dadurch,  daß  sie  aufhören,  alle  im  Haushalt  bisher  üblichen
Kunstfertigkeiten  zu  betreiben,  Bauern  im  alten  Sinn  zu  sein;  man
schafft  also  aus  dem  Bauern  einen  Arbeiter.  Es  gelingt  damit  vielleicht  in
ein  verarmtes  Haus  Wohlstand  zu  bringen,  man  zerstört  aber  die  Volkskunst,
selbst  wenn  man  Dinge  erzeugt,  die  den  von  dieser  geschaffenen  vollkommen
gleichen.  Man  kann  sicher  sein,  daß  nach  einem  Jahrzehnt  dieses  Gleichen
sein  Ende  erlangte!  Es  wird  ein  Zeichner  angenommen,  der  neue  Muster
macht,  es  werden  bessere  Rohstoffe  verschrieben,  es  wird  eben  die  Volkskunst