Metadata : Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten. 1836. (27)

Im  Felde.  223

früher  auf  den  Beinen  sein  und  darum  die  knappe  Zeit  zur  Ruhe  benutzen.
In  langen  Reihen  an  Pikettpfähle  gekoppelt,  stehen  die  Pferde;  jede  Schwadron
bildet  eine  breite,  mit  Leinen  umzogene  Gasse,  hinter  welcher  die  Leute  lagern.
Die  Pferde  legen  sich  meist  sehr  spät  nieder,  viele  nur  auf  kurze  Zeit;  manche
verschlafen,  mit  tiefgesenkten  Köpfen,  stehend  die  ihnen  gegönnte  Zeit.

Endlich  Ruhe  überall!  Die  Feuer  erlöschen;  unmittelbar  vor  und  hinter
dem  Biwak  hört  man  zuweilen  noch  das  Anrufen  der  Wachen  —  weit  draußen,
oft  stundenweit,  stehen  die  Vorposten.  Uber  dem  Nachtlager  wölbt  sich  der
dunkle  Himmel  mit  seinen  flammenden  Sternen,  zu  denen  sich  vor  dem  Entschlummern
  manches  Kriegerauge  im  stummen  Gebet  erhoben,  manches,  das  den
Herrn  sonst  wenig  gesucht  hat.  Im  Felde  hofft  gar  mancher  auf  den  Schutz  des
himmlischen  Vaters;  beim  Ringen  auf  Leben  und  Tod  lernt  der  Mensch  bald
genug,  wo  der  Allmächtige  zu  finden  ist.  Gar  oft  richten  sich  die  Gedanken
heimwärts,  nach  den  verlassenen  Lieben,  nach  dem  Elternhause.

Oft  ist  das  Hüttchen  dort  nur  arm  und  klein,
Nur  matt  erhellt  von  einer  Lampe  Schein.
Es  sieht  darin  so  öd’,  so  traurig  aus,

Und  dennoch  ist's  ein  kleines  Gotteshaus;
Denn  drinnen  betet  fromm  und  treu  gesinnt,
Jubrünstig  eine  Mutter  für  ihr  Kind.

Der  Morgen  graut.  Da  erklingt  scharf  und  hell,  wie  eines  erwachenden
Vogels  Ruf,  im  Reiterlager  von  irgend  einer  Standartenwache  eine  einzelne
Trompete,  der  sich  bald  andre  aus  den  Gassen,  allmählich  einfallend,  anschließen,
bis  ein  lustiges  Geschmetter  über  den  ganzen  Lagerraum  erschallt.  Das  ist  das
Signal:  „Wecken“.  Die  Pferde  werden  gefüttert,  geputzt,  später  zur  Tränke
geritten.  Im  Lager  der  Infanterie  schlagen  die  Trommeln  erst  später  die
„Reveille“  dort  bedarf  es  nicht  vieler  Zeit,  um  wieder  marschfertig  zu  sein.
„An  die  Gewehre!“  heißt  es,  jeder  hat  sein  Gepäck  umgehängt  und  ergreift
seine  Waffe;  die  Kavallerie  ist  aufgesessen,  die  Truppen  rücken  aus,  der  Marsch
wird  von  neuem  angetreten.  Vielleicht  schon  zur  Schlacht?!

Auf  diese  müssen  die  mutigen  Soldatenherzen  oft  lange  harren,  wie  sehr
auch  eine  gute  Kriegführung  dahin  drängt.  Es  gibt  gar  viel  zu  bedenken  und
anzuordnen,  damit  die  verschiedenen  Korps  oder  gar  Armeen  zu  rechter  Zeit
da  eintreffen,  wo  man  mit  gesamter  Kraft  auftreten  will,  um  eine  Hauptschlacht
zu  liefern.  Bis  dahin  fehlt  es  aber  nicht  an  kleineren  Gefechten,  auch  nicht  an
blutigen  Zusammenstößen  einzelner  Korps,  und  die  junge  Mannschaft,  welche
schon  den  eigentümlich  scharfen,  singenden  Ton  der  Flintenkugeln  gehört  und
ihre  Feuertaufe  auch  im  Kanonenfeuer  empfangen  hat,  findet  Gelegenheit  genug,
sich  hervorzuthun.  Aber  nicht  bloß  im  Kugelregen  und  Bajonettangriff,  wo  die
bis  zur  Wildheit  gesteigerte  Aufregung  das  Bewußtsein  der  Gefahr  schwächt,
sondern  auch  im  Ertragen  von  Mühseligkeiten,  von  Hunger  und  Durst  und
allen  Schrecken  des  Krieges  —  da  erst  bewährt  sich  die  Festigkeit  eines  guten
Soldaten,  am  meisten  nach  unglücklichen  Gefechten,  auf  dem  Rückzuge.  Wir
erinnern  an  das  schöne  Beispiel,  wie  der  alte  Marschall  Vorwärts  seine  Truppen
auch  nach  verlorener  Schlacht  zu  beleben  wußte.  Bei  Ligny  1815  von  Napoleon