Im Felde. 223
früher auf den Beinen sein und darum die knappe Zeit zur Ruhe benutzen.
In langen Reihen an Pikettpfähle gekoppelt, stehen die Pferde; jede Schwadron
bildet eine breite, mit Leinen umzogene Gasse, hinter welcher die Leute lagern.
Die Pferde legen sich meist sehr spät nieder, viele nur auf kurze Zeit; manche
verschlafen, mit tiefgesenkten Köpfen, stehend die ihnen gegönnte Zeit.
Endlich Ruhe überall! Die Feuer erlöschen; unmittelbar vor und hinter
dem Biwak hört man zuweilen noch das Anrufen der Wachen — weit draußen,
oft stundenweit, stehen die Vorposten. Uber dem Nachtlager wölbt sich der
dunkle Himmel mit seinen flammenden Sternen, zu denen sich vor dem Entschlummern
manches Kriegerauge im stummen Gebet erhoben, manches, das den
Herrn sonst wenig gesucht hat. Im Felde hofft gar mancher auf den Schutz des
himmlischen Vaters; beim Ringen auf Leben und Tod lernt der Mensch bald
genug, wo der Allmächtige zu finden ist. Gar oft richten sich die Gedanken
heimwärts, nach den verlassenen Lieben, nach dem Elternhause.
Oft ist das Hüttchen dort nur arm und klein,
Nur matt erhellt von einer Lampe Schein.
Es sieht darin so öd’, so traurig aus,
Und dennoch ist's ein kleines Gotteshaus;
Denn drinnen betet fromm und treu gesinnt,
Jubrünstig eine Mutter für ihr Kind.
Der Morgen graut. Da erklingt scharf und hell, wie eines erwachenden
Vogels Ruf, im Reiterlager von irgend einer Standartenwache eine einzelne
Trompete, der sich bald andre aus den Gassen, allmählich einfallend, anschließen,
bis ein lustiges Geschmetter über den ganzen Lagerraum erschallt. Das ist das
Signal: „Wecken“. Die Pferde werden gefüttert, geputzt, später zur Tränke
geritten. Im Lager der Infanterie schlagen die Trommeln erst später die
„Reveille“ dort bedarf es nicht vieler Zeit, um wieder marschfertig zu sein.
„An die Gewehre!“ heißt es, jeder hat sein Gepäck umgehängt und ergreift
seine Waffe; die Kavallerie ist aufgesessen, die Truppen rücken aus, der Marsch
wird von neuem angetreten. Vielleicht schon zur Schlacht?!
Auf diese müssen die mutigen Soldatenherzen oft lange harren, wie sehr
auch eine gute Kriegführung dahin drängt. Es gibt gar viel zu bedenken und
anzuordnen, damit die verschiedenen Korps oder gar Armeen zu rechter Zeit
da eintreffen, wo man mit gesamter Kraft auftreten will, um eine Hauptschlacht
zu liefern. Bis dahin fehlt es aber nicht an kleineren Gefechten, auch nicht an
blutigen Zusammenstößen einzelner Korps, und die junge Mannschaft, welche
schon den eigentümlich scharfen, singenden Ton der Flintenkugeln gehört und
ihre Feuertaufe auch im Kanonenfeuer empfangen hat, findet Gelegenheit genug,
sich hervorzuthun. Aber nicht bloß im Kugelregen und Bajonettangriff, wo die
bis zur Wildheit gesteigerte Aufregung das Bewußtsein der Gefahr schwächt,
sondern auch im Ertragen von Mühseligkeiten, von Hunger und Durst und
allen Schrecken des Krieges — da erst bewährt sich die Festigkeit eines guten
Soldaten, am meisten nach unglücklichen Gefechten, auf dem Rückzuge. Wir
erinnern an das schöne Beispiel, wie der alte Marschall Vorwärts seine Truppen
auch nach verlorener Schlacht zu beleben wußte. Bei Ligny 1815 von Napoleon