Inhaltsverzeichnis : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

Diez:  Die  Presse  unserer  Gegner

geleitete  »Petit  Parisien-,  das  in  einer  Auflage  von
1½  Million  erscheinende  Blatt  der  kleinen  Leute,  nunmehr
  eingeschwenkt;  im  allgemeinen  läßt  sich  aber  sagen,
  daß  sich  die  Blätter  der  Rechten,  wie  der  „-Eclaire,
noch  eines  leidlich  anständigen  Tons  befleißigen.  Das
gilt  auch  von  dem  vornehm  akademischen  Journal
des  Debats,  nicht  aber  vom  -Figaro-,  vom  :Gaulois--
  und  erst  recht  nicht  vom  „Tempse.  Die  Auflage
des  Echode  Paris-,  dessen  Leitartikel  Maurice  Barres
schreibt,  der  Nachfolger  Dérouledes  als  Leiter  der
Patriotenliga,  soll  im  Krieg  von  150000  auf  600000
gestiegen  sem.  Es  steht  dem  -Matine  am  nächsten.
Barrés  aber  kann  lberhaupt  als  klassische  Verkörperung
  des  französischen  Geistes  im  Weltkriege  gelten.
Vas  die  französische  Presse  von  jeher  von  der  englischen
  wie  auch  von  der  deutschen  unterschieden  hat,
das  starke  Hervortreten  der  Persönlichkeiten  der  Leiter
wie  der  Kervorragenderen  Mitarbeiter,  wie  es  durch
die  von  Napoleon  herrührende  pressefeindliche  Vorschrift
  der  Unterzeichnung  der  Artikel  bedingt  wird,
macht  sich  begreiflicherweise  auch  in  den  besonderen
Verhällnissen  der  Kriegszeit  geltend.  Der  einzelne
Poliliker,  der  einen  Ruf  zu  verlieren  oder  zu  behaupten
  hat,  und  dem  die  Bergangenheit  ebenso  vor  Augen
steht  wie  die  Zukunft,  unterliegt  eher  noch  gewissen
Hemmungen  als  der  namenlose  Wortführer  der  von
der  Kriegspsychose  beherrschten  sogenannten  öffentlichen
  Meinung.  So  findet  man,  wenn  man  von  den
berufsmößigen  Deutschenfressernund  Deuuschenhehern
absieht,  in  den  politischen  und  militärischen  Artikeln
der  führenden  französischen  Blätter  noch  etwas  mehr
Sachlichkeit  und  Zurückhaltung  als  in  den  gleichartien
  anonymen  Auslassungen  der  englischen  Presse.
Dafür  lassen  sich  allerdings  die  Illustratoren  und
die  Karikaturenzeichner  um  so  schrankenloser  gehen,
  ohne  freilich  dasjenige  Maß  von  Gemeinheit  zu
erreichen,  das  von  den  italienischen  Witzblättern  schon
zu  einer  Zeit  geleistet  worden  ist,  wo  Italien  noch
der  Verbündete  der  Mittelmächte  war.  Dabei  spielt
vielleicht  auch  mit,  daß  die  ernsteren  Politiker  mit  den
wirklichen  Ursachen  des  Krieges  immerhin  vertrauter
gewesen  sind  als  die  Künstler  und  Gelehrten,  welch
letztere  an  geifernden  Wutausbrüchen  gegen  die  barbarischen
  bochese  sich  zeitweise  nicht  gemug  tun  konnten.
  Neuerdings  beginnen  die  Blätter  übrigens  dieses
  Schimpfwortes  anscheinend  überdrüssig  zu  werden.
Die  kossisce  Presse.  Es  liegt  in  der  Natur  der
Sache,  daß  die  russische  Presse  als  Ganzes  in  dem
Chor  des  Dreiverbandes  eine  verhältnismäßig  bescheidene
  Stimme  Heführt  hat,  wenn  auch  das  Gebiet  der
äußeren  Politik  ihr  noch  in  höherem  Maße  freigegeben
war  als  das  der  inneren.  Von  einer  wirklichen  Blüte
des  Zeätungswessens  konnte  in  Rußland  nie  die  Rede
sein.  Eine  Ausnahme  bildet  jedoch  gerade  das  Blatt,
das  als  Organ  der  nationalistischen  Strömungen  in
den  letzten  Jahrzehnten  eine  immer  größere,  aber  auch
immer  häßlichere  Rolle  gespielt  und  insbesondere  in
der  zielbewußten  Zusammenarbeit  mit  der  englischen
und  französischen  Presse  Erhebliches  geleistet  hat,  die
„Nowoje  Wremja=  (7  Neue  Zeit«).  So  wenig  wie
der  .„  Matine  ist  sie  jemals  ein  angesehenes  Blatt  gewesen;
  man  hat  es  ein  #niederträchtiges  Pasquill  mit
unanständigem  Inseratenteile  und  seinen  Gründer
und  Leiter  (1876—1913),  Alexis  Suworin,  den  Valer
  der  Lüge  genannt.  Aber  dieser  war  ein  Journalist
  ersten  Ranges  und  hat  sein  Blatt  zu  einer  politischen
  Großmacht  zuerheben  verstanden.  Auchsolange
das  amtliche  Rußland  die  freundlichen  Beziehungen

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zu  Deutschland  noch  zu  pflegen  schien,  wie  Ssasonow
zur  Zeit  der  Potsdamer  Begegnung,  um  derentwillen
er  von  der  Nowose  Wremja=  grimmig  angefallen
wurde,  kamen  in  diesem  Blatte,  so  oft  man  es  auch  ver.
leugnen  wollte,  die  tatsächliche  Stimmung  Rußlands
und  die  eigentlich  herrschende  Strömung  zu  unverhülltem
  Ausdruck.  Die  Angaben  über  seine  Auflage
schwanken  zwischen  30000  und  150000.  Im  Jahre
1916  wurde  einer  der  Redakteure  des  Blattes.  ein  Bruder
  des  früheren  Ministerpräsidenten  Stolypin,  in
einen  überaus  häßlichen  Bestechungsprozeß  verwickelt.
Der  in  einer  Auflage  von  60—  70000  erscheinende
„Bjetsch-„das  Sprachrohr  Miljukows,  ist  entsprechend
der  Haltung  der  Kadettenpartei  im  Kriege  ganz  deutschfeindlich
  geworden,  ist  jedoch  im  übrigen  ein  verhältnismäßig
  gut  redigiertes  und  ernsthaftes  Blatt.

Im  Gegensatz  zu  der  -Nowoje  Wremja=  war  bie
vier  Jahre  später  entstandene  .  Birschewijsa  Wjedomosti=
  (7  Börsenzeitung  )  liberal,  juden-  und  deutschfreundlich.
  Es  war  aber  bezeichnend,  daß  gerade  dieses
Blatt  unmittelbar  vor  dem  Krieg  die  von  dem  =  Russkoje
  Slowo=  abgelehnten  Kriegsbetzartikel  des  seitdem
soschimpflich  gestürzten  Kriegsministers  Suchomlinow
veröffentlichte,  insbesondere  den  berüchtigten  vom
Juni  1914,  in  welchem  erklärt  wurde,  Rußland  sei
fertig  zum  Kriege  und  erwarte,  daß  Frankreich  ebenfalls
  fertig  sei.  Im  Laufe  des  Krieges  sind  nun  gerade
die  liberalen  Elemente  die  lautesten  und  giftigsten
Vertreter  des  Deutschenhafses  geworden.  während  die
Blätter  der  Rechten,  denen  einigermaßen  bange  ist
vor  den  demokratischen  Ideen  des  Westens,  im  allgemeinen
  mehr  Zurückhaltung  üben,  weshalb  sie  der
Neigung  zum  Sonderfrieden  beschuldigt  werden.  Eine
Ausnahme  macht  der  fortschrittliche  »Djen«,  den  die
„Nowoje  Wremja=  schon  vor  dem  Kriege  mit  dem
deutschen  Namen  „Tage  zu  brandmarken  liebte.  Der
alten  deutschen  -Petersburger  Zeitunge  hat  der  Krieg
natürlich  das  Lebenslicht  ausgeblasen.  Jetzt  ist  das
älteste  Blatt  Rußlands  die  1756  gegründete  -Moskowskija
  Wjedemosti=  („Moskauer  Zeitunge),  das
einstige  Organ  des  berühmten  Planflawisten  Katkow.
Sie  gilt  als  Professorenblatt  und  war  bis  zum  Ausbruch
  des  Krieges  maßvoll  und  sachlich,  ist  aber  jetzt
ebenfalls  gehässig  und  hetzerisch  geworden,  während  die
schon  erwähnte  „  Russkoze  Slowo=  („Kussisches  Volk.),
mit  250—300000  Lesern  das  verbreitetste  Blatt
Moskaus  und  Rußlands,  im  allgemeinen  einen  anständigen
  Ton  anschlägt.  Dagegen  ist  bezeichnenderweise
  der  „Russkij  Invalid-,  das  auf  Staatskosten
herausgegebene  Offizierblatt,  mit  seinen  fortgesetzten
Meldungen  von  deutschen  Greueln  eines  der  ärmlichsten
  und  verlogensten  Blätter  Rußlands.

Die  Revolution  vom  März  1917  hat  mit  der  gänzlichen
  Aufhebung  der  Zensur  zunächst  einen  Zustand
völliger  Wirrnis  geschaffen,  dessen  Weiterentwicklung
abgewartet  werden  muß.  Unmittelbar  vorher  hatte
noch  das  im  Dezember  1916  gegründete  Organ  Protopopows,
  .  Russkaja  Wolja-(2  Russischer  Wille-),  erhebliche
  Bedeutung  gewonnen.  Von  den  Revolutionsorganen
  vertritt  „Prawdae  („Wahrheit-)  die  radikale
  friedensfreundliche  Richtung,  während  „Uache
Dielo  für  die  Fortsetzung  des  Krieges  eintritt.

Die  italienische  Presse.  Die  Erweiterung  des  Dreiverbandes
  der  Presse  zum  Vierverband  ist  seit  Jahren
und  Jahrzehnten  insbesondere  durch  zwei  italienische
Blätter,  den  römischen  „Messaggero“  und  den  Mailänder-Secolo-,
  vorbereitet  worden.  Beiden  hat  man
seit  langem  nachgesagt,  daß  sie  im  Solde  des  franzö-