Full text : Gesetzsammlung für das Königreich Sachsen vom Jahre 1830. (13)

V.  Das  englische  Bündnisangebot  1901.

Bald  nach  den  Neuwahlen  zum  Unterhaus  im  Oktober  1900,
aus  denen  die  Konservativen  und  Unionisten  wieder  in  alter
Stärke  hervorgegangen  waren,  nahm  Lord  Salisbury  einen  Wechsel
in  der  Leitung  der  auswärtigen  Angelegenheiten  vor.  Er  selbst
war  bisher  Minister  des  Außeren  gewesen,  trat  nun  aber,  um  sich
zu  entlasten,  den  Posten  an  den  bisherigen  Kriegsminister  Lord
Lansdowne  ab  und  behielt  nur  die  Leitung  der  allgemeinen
Politik  bei.  Lansdowne  war  ein  Neuling  im  diplomatischen  Geschäft,
  vor  seiner  übernahme  des  Kriegsministeriums  hatte  er
mehrere  Posten  in  der  Kolonialverwaltung,  in  Kanada  und  in
Indien,  innegehabt.  Die  liberale  Presse  sprach  ihre  Genugtuung
darüber  aus,  daß  Salisbury  dem  imperialistischen  Draufgänger
Chamberlain  den  ruhig  überlegenen  Lansdowne  vorgezogen
hatte.  Bald  sollte  sich  herausstellen,  daß  Chamberlain  in  seinem
Streben  nach  einer  Verständigung  mit  Deutschland  —  auch  bei
Schlichtung  des  Samoastreites  und  bei  der  Beschlagnahme  der
deutschen  Postdampfer  hatte  er  versöhnlich  gewirkt  —  von  dent
neuen  Minister  des  Auswärtigen  unterstützt  wurde.

Mitte  Januar  1901  berichtete  der  erste  Sekretär  bei  der  Botschaft
  in  London,  Freiherr  v.  Eckardtstein,  über  ein  Gespräch,  das
er  während  eines  Aufenthalts  auf  dem  Lande  mit  Chamberlain
gehabt  hatte.  Lord  Salisbury  war  damals  zur  Erholung  in  Cannes.
  Chamberlain  deutete  an,  daß  die  Zeit  für  England  gekommen
  sei,  Anschluß  entweder  an  Deutschland  oder  Rußland  zit
suchen.  Er  ziehe  den  Anschluß  an  Deutschland  vor  und  glaube,  daß
man  den  Anfang  am  besten  mit  einem  geheimen  Abkommen  über
Marokko  machen  sollte.  Lehne  die  deutsche  Regierung  ab,  so  werde
sich  England  genötigt  sehen,  sich  urit  Rußland  zu  vertragen,  sei  es
auch  unter  großen  Opfern  in  China  und  am  Persischen  Golf.

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