V. Das englische Bündnisangebot 1901.
Bald nach den Neuwahlen zum Unterhaus im Oktober 1900,
aus denen die Konservativen und Unionisten wieder in alter
Stärke hervorgegangen waren, nahm Lord Salisbury einen Wechsel
in der Leitung der auswärtigen Angelegenheiten vor. Er selbst
war bisher Minister des Außeren gewesen, trat nun aber, um sich
zu entlasten, den Posten an den bisherigen Kriegsminister Lord
Lansdowne ab und behielt nur die Leitung der allgemeinen
Politik bei. Lansdowne war ein Neuling im diplomatischen Geschäft,
vor seiner übernahme des Kriegsministeriums hatte er
mehrere Posten in der Kolonialverwaltung, in Kanada und in
Indien, innegehabt. Die liberale Presse sprach ihre Genugtuung
darüber aus, daß Salisbury dem imperialistischen Draufgänger
Chamberlain den ruhig überlegenen Lansdowne vorgezogen
hatte. Bald sollte sich herausstellen, daß Chamberlain in seinem
Streben nach einer Verständigung mit Deutschland — auch bei
Schlichtung des Samoastreites und bei der Beschlagnahme der
deutschen Postdampfer hatte er versöhnlich gewirkt — von dent
neuen Minister des Auswärtigen unterstützt wurde.
Mitte Januar 1901 berichtete der erste Sekretär bei der Botschaft
in London, Freiherr v. Eckardtstein, über ein Gespräch, das
er während eines Aufenthalts auf dem Lande mit Chamberlain
gehabt hatte. Lord Salisbury war damals zur Erholung in Cannes.
Chamberlain deutete an, daß die Zeit für England gekommen
sei, Anschluß entweder an Deutschland oder Rußland zit
suchen. Er ziehe den Anschluß an Deutschland vor und glaube, daß
man den Anfang am besten mit einem geheimen Abkommen über
Marokko machen sollte. Lehne die deutsche Regierung ab, so werde
sich England genötigt sehen, sich urit Rußland zu vertragen, sei es
auch unter großen Opfern in China und am Persischen Golf.
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