Metadaten : Das Lehrlingswesen und die Berufserziehung des gewerblichen Nachwuchses.

172  Zweiter  Teil:  Das  Lehrlingswesen  in  der  Inbustrie.

in  Akkord.  Schließlich  sei  noch  hervorzuheben,  daß  jedes  großindustrielle
  Etablissement  gewissermaßen  ein  eigenes  Individuum  sei,
indem  jedes  seine  eigene  Spezialausbildung  verlange.  Kein  Tuchfabrikant
  könne  ohne  weiteres  die  Arbeitskräfte  des  andern  benutzen.

Ahnliche  Wandlungen,  wenn  auch  nicht  überall  in  gleich  starkem
Maße,  sind  in  einer  Reihe  anderer  Industrien  eingetreten.  Das
Aufkommen  der  Schuhfabriken  hat  die  gelernte  Schumacherarbeit  zum
größten  Teile  überflüssig  gemacht.  Die  Hauptarbeit  wird  durch  die
Maschinen  verrichtet,  an  denen  Arbeiter  aus  den  verschiedensten  Gewerben,
  auch  ungelernte,  eingestellt  werden  (Gewerbeaufsichtsbeamtenberichte
  Hessen  1903).  Nur  einzelne  Verrichtungen  werden
noch  mit  der  Hand  ausgeführt,  diese  zum  Teil  von  gelernten  Arbeitern,
Handzwickern  usw.  In  den  neuesten  hessischen  Erhebungen  über  die
handwerksmäßige  Ausbildung  von  Lehrlingen  in  Fabriken  (Mitteilungen
  der  grohheröoglich  hessischen  Zentralstelle  für  die  Landesstatistik
  1910,  S.  172)  werden  für  Schuhfabriken  noch  Lehrlinge  für
die  Zuschneiderei,  Stepperei  usw.  als  Zuschneider,  Ausputzer,  Zwicker,
Einrichter  und  Stepper  angeführt.  Die  ganze  Lederfabrikation  von
der  Gerberei  an  ist  mehr  oder  weniger  die  Domäne  der  ungelernten
Arbeit  geworden.  Schon  in  den  Berichten  der  Gewerbeaussichtsbeamten
  für  das  Jahr  1887  wird  von  einer  Zunahme  der  ungelernten
Arbeiter  infolge  der  Ausdehnung  des  Maschinenbetriebes  in  diesen
Fabriken  berichtet.  Vielfach  wurden  die  gewöhnlichen  Arbeiter  durch
den  Werkmeister  für  die  einzelnen  Verrichtungen  angelernt,  die  beispielsweise
  in  den  Glanzlederfabriken  infolge,  der  weitgehenden
Arbeitsteilung  so  einfach  waren,  daß  die  Aus  bildung  nur  wenige
Wochen  verlangte.  Während  in  den  Hutfabriken  im  Jahre  1887  noch
Lehrlinge  für  einzelne  Verrichtungen,  insbesondere  für  das  Zurichten
und  die  Haarschneiderei,  sowie  für  das  Wallen  angenommen  wurden
(  1887,  129),  war  im  Jahre  1902
durch  die  Zunahme  der  Wnberchtarlt  Etnrichtungen  die  Anleitung  von
Lehrlingen  entbehrlich  geworden.  So  sah  eine  Hutfabrik  schon  seit
einer  Reihe  von  Jahren  von  der  handwerksmäßigen  Anlernung  von
Lehrlingen  ab,  weil  durch  die  Einführung  der  Maschinen  die  Arbeit
so  geteilt  und  vereinfacht  worden  war,  daß  ein  junger  Mann  nicht
mehr  imstande  gewesen  wäre,  sich  soviel  Kenntnisse  anzueignen,  um
als  Hutmachergeselle  anderwärts  seinen  Lebensunterhalt  zu  verdienen.
  Für  das  Mühlengewerbe  war  schon  im  Jahre  1887  die
Lehrlingsausbildung  nur  gych  in  kleinen  Mühlen  üblich  (Gewerbe--aufsichtsbeamtenberichte
  1887,  S.  126).  überall  ist  die  Maschine  am

erk,  um  die  gelernte  Arbeitskraft,.  wenn  auch  nicht  ganz,  so  doch  in
der  einen  oder  anderen  Beziehung  auzzuschalten.  In  den  Porzellanund
  Steingutdrehereien  war  im  Jahre  1896  seit  Einführung  der
mechanischen  Drehscheibe  die  Lehrlingsausbildung  zurückgegangen.
Die  jungen  Leute  lernten  kaum  mehr  das  Formen  von  Hand,  wurden
vielmehr  gleich  zur  Massenfabrikation  mit  Scheblenen  usw.  abgerichtet
  (Gewerb  berichte  1896,  S.  154).

Dieser  Umwandlungsprozeß  ist  auch  in  denjenigen  Fabrikationszweigen
  nicht  selten  schon  weit  vorgeschritten,  die  dem  Eindringen