988 Zur Geschichte der Akademie in den Jahren 1860 -1899.
wieder aufgebaut hat, haben wir erlebt und dürfen dess noch heute
dankbare Zeugen sein.
Auch die germanische Philologie hat in der Akademie zwei
grosse Gelehrte besessen, deren Namen in enger Verbindung stehen,
obgleich der eine der Nachfolger des anderen gewesen ist — MÜLLENnnorr
(1864-1884) und Scherer (1884-1886). Das Werk Jako
Grimm's ist von ihnen in glänzender Weise weitergeführt worden.
Aber während MÜLLEnHorFF seine die deutsche Alterthumswissenschaft
auf- und ausbauende Arbeit bis an die Schwelle des Greisenalters
fortsetzen durfte‘, wurde uns SCHERER im kräftigsten Mannesalter
entrissen, nachdem er kaum der Unsrige geworden war — »der
Gelehrte und Schriftsteller reicher Frucht und reicherer Hoffnung.«.
Dasselbe Jahr 1886, in welchem Ranke, Waıtz und Duncker von
uns schieden, nalım uns auch ScnErRER, ihn, der nicht nur Gelehrter,
sondern auch Künstler, nicht nur Forscher, sondern auch Lehrer
gewesen ist. Der Zauber seiner Persönlichkeit, die lebendige Vielseitigkeit
seiner Interessen und die erweckende Kraft aller seiner
Arbeiten stiften ihm ein unvergängliches Gedächtnis. Auch für
die allgemeine Sprachwissenschaft hat Scherer Grosses geleistet;
vor ihın hat Kun (1872-1881) Bopp’s Stuhl in der Akademie innegehabt
und aus den Ergebnissen der Sprachvergleichung eine Wissenschaft
der vergleichenden Mythologie aufzubauen unternommen. Die
semitische Philologie hat in Orsnausen (1860-1882) ihren ersten sachkundigen,
durch grammatischen Scharfblick ausgezeichneten Vertreter
an der Akademie erhalten; neben ihm, dem Arabisten und Hebräer,
wirkte Röpıger namentlich für das Syrische (1864-1874). In Dırr-MANN
(1877-1894) erhielt die Akademie den ersten Kenner des Aethiopischen
in Europa; was wir von der äthiopischen Sprache, Litteratur
und Geschichte heute wissen, verdanken wir zum grössten Theil seiner
Arbeit. Scaotrr’s Bemühungen um die Kenntniss der ostasiatischen
Sprachen wurden von voN DER GABELENTZ (1889-1893) fortgesetzt.
Den Philosopheu Harms hat die Akademie kaum acht Jahre
(1872-1880) zu den Ihrigen zählen dürfen; ZELLErR sah sie nach
22jähriger Wirksamkeit im Jahre 1894 aus ihrer Mitte scheiden;
aber sie ist mit ihm, obgleich räumlich getrennt, in lebendiger Verbindung
geblieben, und die philosophische Klasse verehrt in ihm,
dessen erprobtem Rath sie so oft gefolgt ist, ihren Senior.
! Einen besonderen Zweig der deutschen Alterthumskunde, die Wirthschaftsgeschichte,
hat der Akademiker Hanssen (1862—1869) bearbeitet; er schied aber im
Jahre 1869 aus und ging als Professor nach Göttingen.