Full text : Das Deutsche Reich zur Zeit Bismarcks.

Verhälluis  Deutschlands  zu  Rußland.  Ermordung  des  Zaren  Alexander  III.  ꝛc.  458

„Sie  lönnen  Ihren  Landsleuten  in  Moskau  sagen,  daß  die  alten  freundschaftlichen  Beziehungen
  zwischen  den  beiden  Slaalen  zu  festen  Überlieferungen  geworden  sind,  daß  sie  fernerhin  fortbestehen
  werden  und  daß  die  Freundschaft  der  heutigen  Generation  ebenso  dauerhaft  sein  wird
wie  die  der  alten.  Diese  Freundschaft  ist  nicht  bloß  für  beide  Nachbarstaaten,  sondern  für  den
Frieden  von  ganz  Europa  wichlig.“

Diese  Verheißung  erhielt  zunächst  eine  erfreuliche  Bestätigung  durch  die  Zusammenkunft
  Kaiser  Wilhelms  mit  dem  Zaren  Alexander  III.  in  Danzig  am
9.  September  1881,  welche  auf  Anregung  des  russischen  Herrschers  stattfand.  Dieselbe
dauerte  allerdings  nur  wenige  Stunden,  aber  ihre  Bedeulung  wurde  dadurch  erhöht,
daß  der  Zar  seine  Brüder,  die  Großfürsten  Wladimir  und  Alexei,  den  Minister  Giers
und  andere  hohe  russische  Würdenträger  mit  nach  Danzig  führte,  während  in  der  Begleitung
  des  Kaisers  Wilhelm  der  Kronprinz,  der  Großherzog  von  Mecklenburg-Schwerin
  und  namentlich  auch  der  Reichskanzler  Fürst  Bismarck  sich  befanden,  der
deshalb  seinen  Sommerurlaub  unterbrochen  hatte.  Der  Zar  zeichnete  den  Fürsten  dadurch
  aus,  daß  er  ihm,  trotz  der  kurzen  Zeit  seiner  Anwesenheit  in  Danzig,  eine  längere
vertrauliche  Unterredung  gewährte.  Die  Eindrücke  der  Begegnung  waren  auf  deutscher
und  russischer  Seile  gleich  wohlthuende.  Die  „Provinzialkorrespondenz“  schrieb  am
14.  September  u.  a.:

„Die  Begegnung  hatte  das  erfreuliche  Ergebnis  von  der  Übereinstimmung  beider  Kaiser
und  der  sie  begleitenden  Staatsmänner  über  die  Notwendigkeit  der  Bewahrung  jener  friedlichen
Überlieferungen,  welche  zum  Segen  der  beiden  Staaten  sich  so  oft  bewährt  haben.“  Und  der  Zar
Alexander  telegraphierte  nach  der  Rückkehr  in  seine  Hauptstadt  vou  hier  aus  an  den  Kaiser  von
Osterreich:  „Das  Begrüßungstelegramm,  welches  Du  so  freundlich  warst,  mir  zu  meinem  Geburtsseste
  (10.  März)  zu  senden,  hat  mich  sehr  gerührt  und  ich  danke  Dir  dafür  von  ganzem  Herzen.
  Ich  habe  mich  sehr  glücktich  geschätzt,  den  Kaiser  Wilhelm  wiederzusehen,  den  verehrten  Freund,
mil  dem  uns  gemeinsame  Bande  der  innigsten  Zuneigung  vereinen.“  (Hahn  a.  a.  O.,  S.  320.)

Besonders  bedeutsam  sind  auch  die  Kußerungen  des  russischen  Premiers  von  Giers
über  die  Danziger  Zusammenkunft  gegenüber  dem  österreichischen  Botschafter  in  Petersburg,
  Grafen  Kalnoky,  welche  der  österreichische  Minister  des  Answärtigen,  Baron
Haymerle,  am  15.  September  1881  seinem  Koaiser  telegraphierte:

„Herr  von  Giers  ist  über  die  gegenseiligen  Eindrücke  der  Danziger  Zusammenkunft  sehr  befriedigt.
  Kaiser  Alexander  ist  mit  den  erhöhten  Gefühlen  der  Bernhigung  und  inmerer  Zufriedenheit
  zurückgekehrt.  Namenllich  hat  die  Weisheit  und  unerwartete  Mäßigung  der  Sprache  des  Fürsten
  Bismarck  sowoht  auf  den  Zaren  als  auf  Giers  einen  guten  Eindruck  gemacht  und  sie  darüber
beruhigt,  daß  er  nach  keiner  Richtung  andere  als  friedliche  Absichten  verfolge.  Nachdem  Herr  von
Giers  festgestellt,  daß  auf  dem  Gebiete  dec  äußeren  Politik  thatsächlich  keine  beängstigende  Frage
vorläge,  habe  sich  das  Gespräch  hauptsächlich  der  Belämpfung  der  sozialistischen  Gesahr  zugewen.
det,  und  auch  da  habe  Fürst  Bismarck  große  Vorsicht  und  Mästigung  bei  Anregung  internalionaler
  Maßregeln  empfohlen.  Herr  von  Giers  sagl,  daß  die  bedeutungsvollste  Seile  der  Danziger
Reise  darin  liege,  dast  der  Zar  dadurch  vor  ganz  Rußland  seinen  Willen,  eine  konservative  und
friedfertige  Politik  zu  verfolgen,  in  unzweidentiger  Weise  kundgegeben  habe.“  (Hahn,  S.  321.)

Der  Leiter  der  äußeren  russischen  Politik  sprach  damals  gegenüber  dem  österreichischen
  Staatsmann  gewiß  seine  Herzensmeinung  über  die  Erfolge  der  Danziger
Zusammenkunft  aus.  Aber  wie  im  Märchen  war  die  „böse  Fec“,  der  mächtigste  Mann