Full text : Ereignisse und Gestalten 1878-1918

Sinne  des  großen  Kanzlers.  Denn  Fürst  Bismarck  hat  das  Wort
geprägt  —  ich  habe  es  selbst  im  Bismarckschen  Familienkreise  wiederholt
  gehört:  Deutschland  dürfe  niemals  der  Festlanddegen  Englands
werden.  Wir  haben  also  damals  weiter  nichts  getan,  als  in  konsequenter
  Linie  unsere  Politik  durchgeführt,  d.  h.  jedes  Engagement
abgelehnt,  das  zu  einem  Kriege  führen  konnte,  der  nicht  unmittelbar
der  Verteidigung  des  Heimatbodens  diente.  Die  Ablehnung  des
Chamberlainschen  Angebots  ist  ein  Beweis  der  deutschen  Friedensliebe.

Frankreich  gegenüber  haben  wir  versucht,  in  ein  leidliches  Verhältnis
  zu  gelangen.  Das  war  schwer,  denn  wir  galten  ihm  als  der
Erbfeind  und  die  Forderungen  der  Revancheidee  konnten  von  uns  nicht
erfüllt  werden.  Wir  haben  die  Marokkodifferenz  friedlich  liquidiert;  an
Krieg  um  Marokko  dachte  kein  maßgebender  Mann  in  Deutschland.
Wir  haben  es  damals  des  lieben  Friedens  wegen  hingenommen,  daß
Frankreich,  gestärkt  durch  den  mit  England  geschlossenen  geheimen  Austauschvertrag
  Ägypten-Marokko,  über  die  sehr  wesentlichen  legitimen
Interessen  Deutschlands  in  Marokko  hinwegging.  Die  Konferenz  von
Algeciras  zeigte  schon  die  Konturen  des  großen  Krieges.  Es  ist  gewiß
nicht  angenehm,  politische  Rückzüge,  wie  den  in  der  Marokkoangelegenheit,
  antreten  zu  müssen;  aber  die  deutsche  Politik  hat  alles  dem  großen
Gesichtspunkte  untergeordnet,  den  Weltfrieden  zu  erhalten.

Wir  haben  es  mit  Höflichkeiten  versucht,  die  uns  zum  Teil  sogar
übel  genommen  wurden.  Ich  erinnere  nur  an  die  Reise  meiner  Mutter,
der  Kaiserin  Friedrich,  nach  Paris.  Wir  hatten  eine  leidliche  Aufnahme
  erwartet,  weil  sie  englische  Prinzessin  war  und  als  Künstlerin
zur  französischen  Kunst  kam.  Ich  habe  die  Kaiserin  Eugenie  zweimal
besucht,  einmal  von  Aldershot  aus  in  ihrem  Schlosse  Farnborough,
das  andere  Mal  auf  ihrer  Yacht  in  den  norwegischen  Gewässern  bei
Bergen.  Diese  Courtoiste  erschien  mir  selbstverständlich,  weil  ich
mich  in  ihrer  Nähe  befand.  Als  der  französische  General  Bonnal
mit  einigen  Offizieren  in  Berlin  war,  speisten  die  Herren  beim

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